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Jetzt mache ich auch mal auf wütend

[Dieser Post war eigentlich vom 9.7. und er ist jetzt hierher umgezogen von karoline-stiefel.de, da ich diese URL wahrscheinlich anderweitig nutzen werde in Zukunft. Deshalb darf er jetzt hier weiter wohnen]

“Die Piraten, die sind ja alle so unprofessionell”. “Die produzieren ja nur Skandälchen”. “Ja schön und gut, sie haben ja wichtige Themen, aber in den Parlamenten könnten sie nicht arbeiten”.

Wir müssten ja erst mal “Diskurse zwischen Basis und Führungspersönlichkeiten” moderieren lernen, wie Hannah Beitzer das so schlau ausdrückt.

Jetzt sag ich auch mal was. Weil ich dieses ganze Gejammere nicht mehr hören kann.

Erstens: So platt es klingt, ich habe nach wie vor lieber offene Reibereien, Skandale, Streitigkeiten, Shitstürme und -störmchen, als stilles Geklüngel und Vetternwirtschaft. Wo gar nicht mehr gestritten werden muss, wer die nächste “Führungspersönlichkeit” sein soll, weil es ohnehin immer schon lange vorher feststeht – und wo ebenfalls kein “Diskurs” stattfindet. Würden manch andere Parteien so arbeiten wie wir, die Piraten wären im Gegensatz zu dem, was da hinter den Türen so stattfindet, ein ziemlich zahmer Haufen.

Ich werfe mal noch einen neunmalklugen Spruch hinterher:

“Demokratie ist chaotisch, lärmend, kakophonisch, streitsüchtig. Wenn Schweigen eintritt, dann besteht Grund zur Sorge.” Michael J. Sandel

Zweitens: Ja, wir sind unprofessionell. Wenn ich mir aber anschaue, was da total “professionell” in der Politik momentan so fabriziert wird, dann finde ich das mitsamt einem Nocunschen “verdammt nochmal!” auch gut so. Wir sind wahrscheinlich politisch nicht so gebildet, nicht mit den all den Tricks vertraut, nicht mit allen politischen Wassern gewaschen, nicht so gut im verhandeln und antäuschen, mal ungeschickt, wir haben nicht immer die perfekten Worte parat, um das auszudrücken, was wir eigentlich sagen wollen.

Aber. Ein großes ABER. Wir wollen was verändern. Wir haben Visionen, wie wir diese Gesellschaft besser machen wollen, für alle, die darin leben. Und nicht für diese eine Gesellschaft, sondern als weltweite Bewegung, für alle Menschen. Und das nicht nur für die Menschen im hier und jetzt, sondern auch für die zukünftigen, für Kinder und Kindeskinder.

Nicht man selber steht an erster Stelle. Nicht die Partei. Nicht “die Wirtschaft”. Sondern die Menschen, für die eigentlich Politik gemacht wird.

“Aber das wollen doch alle Politiker!” Ja genau. Deshalb haben sie es ja auch bisher noch nicht mal geschafft, die UN-Konvention gegen Korruption und Abgeordnetenbestechung zu ratifizieren. Da soll mir noch einer sagen, dass es da um den Bürger geht, und nicht um sich selbst, ums Geld, um die Kontakte in die Wirtschaft, um den nächsten Wahlsieg, den Machterhalt.

Neunmalkluger Spruch Nummer zwei: ”Es ist schwer, einen Menschen zu bewegen, etwas zu verstehen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen”. Upton Sinclair

Ich glaube die meisten Piraten machen Politik aus Notwehr (Daniel Gruber zum Beispiel). Nicht weil man als Traumberuf Politiker hat. Ganz im Gegenteil, ich glaube die meisten von uns würden liebend gerne andere Dinge tun. Schöne Dinge. Wir müssen aber etwas tun. Wenn wir alle einfach nichts mehr tun und alles hinnehmen und ohnmächtig unser Leben vor uns hinleben, und uns alles egal ist – das wäre das wahre Ende der Demokratie.

Und deshalb sind mir unsere streitsüchtigen, skandalträchtigen Piraten immer noch tausendmal lieber als glattgebügelte, perfekte, professionelle Politiker.

 

Übrigens: Wer sich daran stört, dass wir oft versuchen, etwas Spaß und den vielzitierten “Punkrock” (im übertragenen Sinne) in die Politik zu bringen und uns selber und überhaupt alles nicht immer so ernst zu nehmen – dem sage ich mal, hey, genau, bierernste Politik hat uns ja auch immerhin soweit gebracht, dass sich keiner mehr dafür interessiert und die meisten ihrer überdrüssig geworden sind. Verteil mal Flyer in der Fußgängerzone, da heißt es dann “Ihh, das ist ja was politisches”, als wäre “politisch” irgendeine aussätzige Krankheit. Oder Leute, die sich dann beschweren, wenn man was ‘politisches’ auf der eigenen Profilseite auf Facebook postet.

Das sollte sich ändern. Und wenn das mit mehr Spaß dabei besser klappt, dann her damit. Politik geht uns alle an, es bestimmt unsere (und nicht nur unsere) Gesellschaft und damit unser Leben. Deshalb schließe ich hiermit:

Oh, my political posts are annoying you? Sorry, I thought the future of our planet was worth discussing. By all means, show me another picture of your dinner.

Quo Vadis LQFB?

Ich bin kein Liquid Feedback-Experte. Ich bin auch kein alter Hase, was Piratentools angeht. Höchstwahrscheinlich habe ich auch einfach noch nicht überall den Durchblick, vielleicht ist die Problematik, wie sie mir in meinem persönlichem Piratendasein erscheint, am Ende gar keine, oder schon gelöst, dann helft mir doch bitte, klärt mich auf und kommentiert das Ganze. Ich schließe nicht aus, dass alles meinem eigenen Unwissen geschuldet ist.

Aber: Vielleicht habe ich auch als jemand, der gerade nicht seit Anbeginn der Zeiten dabei ist, mal eine ‘Außen(seiter)sicht’ auf die Dinge anzubieten. Ich möchte hier einfach mal ein paar Gedankenexperimente durchführen. Und fragen, wohin sich LQFB unserer Meinung nach hin entwickeln soll, mit allen Konsequenzen, gerade angesichts der Distanzierung der Entwickler von der Verwendung innerhalb der Piratenpartei. Ich möchte außerdem etwas Licht in das Paradoxon „Real Life: Waah Delegierte sind voll scheiße“ und „Online: Waah nehmt uns ja nicht unsere Delegationen weg“ bringen, das auf LQFB-Neulinge oft etwas befremdlich wirkt.

Wir sind uns in Bayern zumindest in einem Punkt alle einig: LQFB erst einmal einführen, in welcher Form auch immer. Das ist gut so. Ist das schließlich überall passiert, sollten wir uns aber meiner Meinung nach (nicht nur auf Landes-, sondern auch auf Bundesebene) als allererstes der Frage stellen und uns darauf einigen, was aus LQFB denn am Ende werden soll. Denn – verbessert mich, wenn es nicht so ist – die einen sehen es zum Beispiel als Meinungsbildungstool, die anderen als mögliches Abstimmungstool.

Das sehe ich von dem her als Problem, dass es derzeit ein Mischmasch aus allen möglichen, aber eigentlich getrennt zu betrachtenden Dingen ist, was bei Diskussionen zwingerweise zu Meinungsverschiedenheiten führt, denn für den einen mag LQFB etwas anderes bedeuten (oder soll sich zu etwas anderem entwickeln) als für den anderen.

Ich merke nochmal an, das ist alles nur hypothetisch, ich versuche nur mal unterschiedliche Variationen bis ins Extrem durchzudenken, um manche Problematiken offenzulegen, ohne dabei eine Wertung abzugeben!

Also, LQFB vereint im Moment drei Funktionen, die man eigentlich einmal getrennt voneinander betrachten sollte: a) Meinungsbildungstool bzw. Antragsbildungs-/-diskussionstool, b) Vorschautool für Abstimmungsergebnisse über Anträge auf Parteitagen und c) Abstimmungstool.

So, fangen wir mal mit a) an, das wirft – zu Ende gedacht – nicht so viele offene Fragen auf. Sollte sich (rein hypothetisch!) also eine Mehrheit dafür aussprechen, dass Abstimmungen im LQFB keine Beschlusslage haben sollten (aus welchen Gründen auch immer, das Wahlcomputer-Problem wäre ein möglicher Grund, oder die mögliche, datenschutzwidrige Zuordnung von Beiträgen und Abstimmungsverhalten zu einer Person), dann würde daraus schlicht und ergreifend ein Tool, das einem helfen würde, sich zu einzelnen Themen zu informieren, Anträge einzureichen, diese zu diskutieren, zu modifizieren – eine Art Antragsfabrik. Hierzu wären dann eigentlich Delegationen nicht zwingend nötig, da es ja gar nicht um die Abstimmung geht, sondern die Meinungsbildung. Hierzu würde eventuell die Präferenzdelegation mit Schulze passen, die ja vielmehr eine Meinungsempfehlung von Seiten der gewünschten Delegierten ist, als eine Stimmenübertragung. Damit könnte man sich zu den Themen, zu denen man sich eine Meinung bilden will, eben einfach anschauen, wie die jeweiligen Delegierten so abstimmen, was sie einem empfehlen, es geht aber hierbei gar nicht um das Ergebnis einer Abstimmung, sondern um den Prozess der persönlichen, politischen Meinungsfindung sowie um eine Mitgestaltungsmöglichkeit von Anträgen.

Dann b): Hier stünde dann die Frage im Vordergrund, wie man am ehesten testen kann, wie ein Antrag auf einem Parteitag abschneiden würde. Das ist ja für die Antragsreihenfolge auf Parteitagen derzeit insofern interessant, da man die Anträge, denen eindeutig zugestimmt wird, am Anfang der Tagesordnung abhandeln und damit schnell und effektiv viele Anträge verabschieden kann. Es würde daraus folgen, dass man ja eigentlich das Stimmverhalten auf Parteitagen simulieren will. In letzter Konsequenz (wie gesagt, rein hypothetisch) müssten dann eigentlich tendenziell diejenigen im LQFB abstimmen, die vorhaben, auf den nächsten Parteitag zu fahren, und zwar ohne Delegationen, da es diese auf Parteitagen ja auch nicht gibt. Das ist natürlich von dem her fragwürdig, da das LQFB ja eigentlich über das Internet eine Teilhabe ermöglichen soll, die ja gerade unabhängig davon sein soll, ob man das Geld/die Zeit/die Möglichkeit hat, auf den nächsten Parteitag zu fahren. Deshalb müsste man sowohl bei a) und b) eigentlich am Konzept der dezentralen Parteitage arbeiten, um dann eben auf diese Weise mehr Menschen eine Teilhabe an Beschlüssen zu ermöglichen.

Am interessantesten wird es eigentlich bei c): Angenommen, das Wahlcomputerproblem lässt sich irgendwie lösen sowie die Möglichkeit des Schutzes der Privatsphäre könnte irgendwie garantiert werden. Wenn sich nun eine Mehrheit für LQFB als verbindliches Abstimmungstool aussprechen würde (das ist ja meines Wissens nach im LV Mecklenburg-Vorpommern bereits der Fall), dann würde aus LQFB eine ständige Mitgliederversammlung, die eine Teilhabe abseits von Parteitagen ermöglicht, und womit man auch Anträge wesentlich schneller verabschieden könnte als erst auf dem nächsten Parteitag.

Denkt man das Ganze mal bis zum Ende durch, würden auf Parteitagen vielleicht nur noch Personenwahlen stattfinden, wobei es in letzter Konsequenz (!) gar keine Parteitage mehr geben könnte. Denn: Sind LQFB-Beschlüsse verbindlich, dann müsste ja irgendwie eine Vergleichbarkeit der Beschlüsse auf Parteitagen mit Beschlüssen im LQFB vorliegen. Das ist aber weder ohne noch mit Delegiertensystem (in welcher Form auch immer) der Fall: Ohne bekommt man desselbe Problem wie bei b), und mit Delegiertensystem müsste man konsequenterweise dann ja auch auf Parteitagen dieselben Delegationen abbilden wie im LQFB. Das wäre aber absolut unpraktikabel und würde wahrscheinlich jeglicher Nachvollziehbarkeit entbehren, da müsste dann auf jeder JA/NEIN-Karte auch die Anzahl der Stimmen stehen, die ein ‚Delegierter’ auf sich vereinigt. Man könnte höchstens einen Parteitag abhalten, und in einer Art Live-LQFB (Abstimmung findet in einem gewissen Zeitraum während des Parteitages statt) allen die Möglichkeit geben, online abzustimmen, egal ob sie auf dem Parteitag sind oder nicht, dann bräuchte es gar keine JA/NEIN-Karten mehr.

Beschlüsse würden dann also verbindlich und ausschließlich im LQFB gefällt. Hier könnte man sich überlegen, ob man pro Antrag an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit eine Online-Diskussion zum Beispiel über Mumble abhält, bei denen der Antragsteller wie bei Parteitagen den Antrag vorstellt, danach können Interessierte Fragen stellen. Schaut man sich nämlich an, wie sehr sich manchmal das Abstimmungsverhalten vor (durch ein Meinungsbild) im Gegensatz zu nach den Redebeiträgen (also der Beschluss an sich) auf Parteitagen ändert, nämlich manchmal von fast ausschließlich JA zu fast ausschließlich NEIN oder umgekehrt, so scheint dieser persönlichen Diskussion durchaus eine wichtige Rolle in der Meinungsfindung zuzukommen, die es irgendwie zu kompensieren gälte, würden Anträge nur noch online abgestimmt.

Behält man das Delegationssystem in LQFB, so hat man eigentlich eine Art repräsentatives System, da Delegierte ja andere repräsentieren, die ihnen ihr Stimme delegiert haben, mit dem Unterschied zum ‚normalen’ repräsentativen System, dass man seinem Delegierten jederzeit die Stimme entziehen und woanders hin delegieren kann (daher auch das vermeintliche Paradox, das aber gar keines ist). Hier hätte man eventuell (je nach Delegationssystem) das Problem, dass besonders bekannte Menschen, die bereits viele Stimmen auf sich vereinen, immer mehr anhäufen, so dass man sich eventuell nur noch aufgrund der Anzahl der Delegationen denken könnte „Passd scho, Person xyz hat viele Stimmen, die muss gut sein,“ ohne noch darüber nachzudenken ob das wirklich der Fall ist. Das mag vielleicht derzeit nicht so sein, falls aber einmal wirklich alle LQFB nutzen würden statt nur ein paar Prozent (da man dann mit seiner Stimme ja wirklich etwas beschließen könnte, ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass sich dann wesentlich mehr Leute anmelden), dann macht vielleicht auch die stille Masse mit, die man auch nie auf Stammtischen o.ä. sieht, bei denen eventuell die Gefahr besteht, dass sie einmal ins LQFB gucken, ihre Stimme abdelegieren, und dann nie wieder reinschauen, was mit ihrer Stimme gemacht wird. Dann fiele ja auch der Vorteil weg, dass man seine Stimme jederzeit einem Delegierten entziehen kann. Würde man solchen Karteileichen vorbeugen wollen, müsste man vielleicht wieder eine aktive Zustimmung zu jeder Delegation einführen, oder eine Bestätigung der ausgehenden Delegationen jeden Monat mit einer Zusammenfassung, was im letzten Monat mit der eigenen Stimme passiert ist – bestätigt man nicht aktiv, verfallen die Delegationen, bis man sie wieder für einen Monat erneuert (etwas simpleres, aber ähnliches - Aussetzen bei Inaktivität - wurde 2011 schon diskutiert).

Wieso der ganze Aufwand, das alles einmal durchzudenken? Weil ich finde, bevor wir nochmal wertvolle Stunden von einem Parteitag darauf verwenden, zu diskutieren, wie zum Beispiel das Delegiertensystem in LQFB im Detail aussehen soll, sollten wir uns doch erst einmal einigen, wo es damit hingehen soll. Denn jemand, der es als Meinungsfindungstool haben will, wird sicher andere Ansichten über Delegationen haben, als jemand der darin ein Abstimmungstool sieht. Anders gesagt: Bevor ich diskutiere, ob ich jetzt Kirschtomaten oder Fleischtomaten oder Royal Gala-Äpfel oder Granny Smiths im Garten anbauen will, sollte man doch erst mal die Frage klären, ob man am Schluss Obst oder Gemüse ernten möchte.

Der Vollständigkeit halber hier übrigens noch die Kompromisslösung aus Mecklenburg-Vorpommern, bei der nur bestimmte Dinge im LQFB beschlossen werden können:

(9) Die Ständige Mitgliederversammlung kann für den Landesverband verbindliche Stellungnahmen und Positionspapiere beschließen. Entscheidungen über die Parteiprogramme, die Satzung, die Beitragsordnung, die Schiedsgerichtsordnung, die Auflösung sowie die Verschmelzung mit anderen Parteien (§ 9 Abs. 3 Parteiengesetz) sind ausgeschlossen, insoweit kann die Ständige Mitgliederversammlung nur Empfehlungen abgeben.

Neue Modelle braucht das Fernsehen

Ich frage mich, wieso jetzt das Fernsehen nach der Musikindustrie die Zeichen der Zeit nicht erkennt und kein vernünftiges Modell zustandebringt, das den heutigen Sehgewohnheiten (zumindest der bis 39jährigen) entspricht. Gerade Fernsehserien werden schon so oft über das Internet geguckt, dass die übliche Quotenmessung wirklich überhaupt nicht mehr aussagekräftig ist. Ob wie hierzulande die GfK oder in Amerika die Nielsen-Ratings – diese altertümliche Messungen entsprechen nicht mal mehr ansatzweise der Realität, wieviele Zuschauer eine Serie zum Beispiel wirklich hat, da andere Verbreitungswege als das klassische Fernsehen ja gar nicht mitzählen. Was dazu führt, dass Serien, die junge Leute lieben und schauen wie blöde (nur eben nicht per klassischem Verbreitungsweg), abgesetzt werden, weil die Quote zu schlecht ist – obwohl die Quote auf anderem Messweg ganz anders ausgesehen hätte. Und irre ich mich, oder sind nicht gerade die 14 bis 39jährigen die Kernzielgruppe, auf die es die meisten Sender abgesehen haben? Gerade in dieser Gruppe gibt es sicher überdurchschnittlich viele, die nur mehr sehr selten das normale Fernsehprogramm konsumieren, und gerade diese Gruppe wird durch die unzeitgemäße Quotenmessung komplett falsch repräsentiert.

Bevor jetzt diese Gruppe kriminalisiert wird, da sie vor allem illegal im Internet amerikanische Serien guckt, ein paar Punkte, wieso das so ist: Wir gehen jetzt mal von den 20 bis 35jährigen in Deutschland aus. Mit der globalen Sprache des Internets, Englisch, gut vertraut, und anspruchsvoll, will sich diese Gruppe keine deutsche Synchronisation mehr gefallen lassen, die ohnehin meist nur den Humor der Serie komplett vernichtet. Das liegt auch gar nicht an der Qualität der Synchronisation oder der Sprecher, sondern schlicht und einfach daran, dass vor allem Wortwitz – wie er oft in solchen Serien vorkommt – nun mal nicht übersetzbar ist. Außerdem will man nicht monatelang warten, bis die Episoden aus Amerika endlich ins deutsche Fernsehen kommen. Da sind Serien ja schon in den USA nach der zweiten Staffel abgesetzt, bis überhaupt mal der Pilot bei Pro7 kommt – und mit DVDs ist es dasselbe. Keiner will solange warten, Serien zu schauen, bis irgendwann mal die DVD kommt. Aus diesen Gründen scheidet also der klassische Vertriebsweg, der Fernseher, also schonmal komplett aus. Ganz generell hat diese Gruppe keine Lust mehr, sich von den Programmdirektoren diktieren lassen zu müssen, wann sie etwas schauen zu haben – sie wollen selbst entscheiden, wann sie etwas schauen.

Bleibt das Internet. Da gibt es zaghafte Möglichkeiten, bei den amerikanischen Netzwerken direkt auf deren Webseite gucken zu können – die haben dann dadurch auch die Chance, bessere Quoten zu errechnen, wenn sie die Downloads/Views der Serienepisode in ihre Ratings miteinbeziehen. Das geht aber nur, wenn man an einem Rechner sitzt, der in den USA steht. Kommt also auch nicht in Frage für deutsche Serienliebhaber. Dann bleibt noch iTunes oder das Angebot von Amazon, sich einzelne Folgen zu laden – aber das ist ja sowas von überteuert, das funktioniert nicht. Bei 3 Euro pro Folge ist die Schmerzgrenze schon lange überschritten. Wenn man alle Folgen so guckt, kann man sich von dem Geld ja die DVD dreimal kaufen. Und wenn man Fernsehen schaut, zahlt man ja auch nichts – da gibt es Werbung.

Also, wieso gibt es nicht eine Möglichkeit, Serien im Original werbefinanziert zu gucken? Von den Netzwerken direkt, legal? Ohne illegale Downloads, ohne kuriose chinesische Seiten, ohne Viren. Dafür mit exakterer Quotenmessung als je zuvor, ein großer Pluspunkte für die Netzwerke. Muss man auch nicht teuer an Nielsen zahlen, nur um dann eine ungenaue, komplizierte Hochrechnung zu bekommen. Ein Blick auf den Viewcounter, schon haben die Sender ihre exakte Zuschauerzahl. Internetwerbung ist nicht so lukrativ? Gut, ich glaube viele Serienliebhaber sind ja durchaus bereit dafür zu zahlen, ihre Serien zeitgleich mit den USA und im Original sehen zu können. Es fehlt nur an einem vernünftigen Konzept. Wie zum Beispiel ein Serien-Abo-Channel. Sagen wir, dort kann man eine oder zwei oder fünf Serien seiner Wahl abonnieren. Man kann dann immer und jederzeit jede Episode seiner ausgewählten Serien schauen, und zahlt dann dafür eben 4 oder 5 oder 10 oder 15 Euro im Monat. Irgendwas in der Richtung eben.

Ich glaube, hier wird genau die Gruppe zwangskriminalisiert, die ja eigentlich als Liebhaber einer Serie die begehrtesten Zuschauer seitens der Netzwerke wären. Treu, jung, gebildet, Merchandise kaufend, wohlhabend. Ein Traum jeder zielgruppenorientierten Werbung. Ich würde übrigens sofort How I Met Your Mother, Pushing Daisies und House M.D. abonnieren. Pushing Daisies, das übrigens im Internet heißbegehrt war und nach der zweiten Staffel wegen zu schlechter Quote abgesetzt wurde…

Das Gummibärchen-Orakel oder Zur Deutung von Sternzeichen

Die Grillwürste waren verspeist, Sekt und Bier getrunken, die Salate verputzt, und gerade waren wir in die Halbzeitpause mit einem 1:0 Vorsprung gegen Polen durch ‘Poldi’ entlassen worden. Was tut man da sinnvolles in dieser überflüssigen und doch so wichtigen Zwischenzeit eines Fußballspiels?

Man kann zum Beispiel eine Runde mit Gummibärchen orakeln. Man braucht eine Tüte Gummibärchen. Und eine Deutungsanleitung. Dann zieht jeder mit verbundenen Augen fünf Bärchen und der tiefsinnige Partyspaß kann losgehen.

Jeder in meinem Umkreis zieht natürlich eine bunte Mischung aus roten, gelben, grünen, weißen, und orangen Bärchen – während ich, als ich die Augen wieder öffne, sofort das Verhängnisvolle in der Kombination von vier roten und einem gelben Gummibärchen in meiner Handfläche sehe. Zwei Deutungsvariation haben wir zur Hand, ein allgemeines und ein Liebesorakel. Hier die Ergebnisse:

Ungeduld, Überdrehtheit, Konzentration

Wissen Sie, wer vier dicke rote Klunker in seiner Krone trug? Nero, der römische Kaiser. Einer von den ganz sympathischen Leuten. Der es vorzog, seine Stadt anzuzünden, weil es ihm zu kompliziert war, sie zu regieren. Kennen Sie das? Dass Ihnen Sachen zu kompliziert sind, und dann hauen Sie drauf? Oder fällen irgendeine Entscheidung, um das Problem nur los zu sein? Und geraten in Wahrheit desto tiefer in die Verstrickung? In so einer Situation befinden Sie sich jedenfalls jetzt. Hormone, die für Ungeduld, Aggressivität und Überdrehtheit zuständig sind, werden bei Ihnen gerade zu einem besonders giftigen Cocktail gemixt. Gut, wenn Sie gerade zum Hexensabbath aufbrechen. Schlecht, wenn Sie irgendetwas Vernünftiges zustandebringen wollen. Schlecht auch, wenn Sie Selbstvertrauen oder nur Ruhe finden möchten. Viermal Rot ist nämlich eine Alarmkombination. Eine, die entweder Ihnen oder anderen Angst macht. Die überdies Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, hohen Blutdruck beschert. So, aber jetzt haben Sie noch ein gelbes Bärchen gezogen. Und das ist Ihr Glück. Da winkt Ihr Ausweg. Gelb bedeutet zunächst einmal: Arbeit. Bedeutet konzentrierte Aktivität. Zum Beispiel im Job. Oder im Studium. Oder wo Sie sonst ranklotzen müssten. Tun Sie das. Wo immer Sie gefordert werden, können Sie Ihre wildernden Kräfte jetzt bündeln – und Erfolg haben. Denn Gelb heisst auch: Zaster winkt. Heisst: Ihr Ehrgeiz erwacht. Und wenn Sie mal auf hitzige Entschlüsse, Türenschlagen, Trennungstritte verzichten, dann können Sie mit Ihrer gesammelten Energie viel erreichen. Und wir würden aufatmen.

Hm. Oh je. Vielleicht “Pech im Standard-Gummibärchenorakel, Glück in der Liebe?”

Welcome im Red Light District!

Sie nun wieder. Wir hätten es ja ahnen können. Sie mit Ihrem Appeal. Mit Ihrem manchmal etwas schrägen Blick. Und mit Ihrer Liebe zum Meer. Sie waren mal in Shanghai? Na, nicht in diesem Leben. Aber in Ihrer letzten Inkarnation, so vor ungefähr hundert Jahren, als noch richtig was los war in Shanghai. Damals haben Sie sich da herumgetrieben. Am Hafen. Sie wissen doch noch, wie das war, am Hafen von Shanghai? Vier Häuschen mit einer roten Laterne über der Tür, dann eines mit einer gelben Laterne, dann wieder vier rote, dann ein gelbes und so fort, die ganze Mole runter. In den roten Häuschen wurde die Liebe gesucht, vielleicht auch gefunden, im gelben wurde bezahlt. Viermal rot, einmal gelb. Genau die Farben, die Sie jetzt gezogen haben. Es gibt keinen Zufall. Sie haben diese tiefe Sehnsucht nach Liebe. Und diese etwas abwegige Art, sie zu suchen. Sie haben dieses grosse Verlangen. Und wissen nicht genau, wie es erfüllt werden kann. Entsinnen Sie sich, wie Sie damals durch die unbeleuchteten Gassen gestreunt sind? Jetzt streunen Sie durch die unbeleuchteten Gassen Ihrer Gefühle. Erinnern Sie sich, wie Sie in wüste Prügeleien verwickelt wurden, natürlich immer ohne eigene Schuld? Inzwischen haben Sie sich weiter entwickelt. Jetzt finden die Prügeleien in Ihrem Inneren statt. Immer Sie gegen sich selbst. Denn viermal rot: Das bedeutet, dass viel kraftvolle Liebesenergie unterdrückt wird. Gerade Zahlen zeigen nach alter Orakel-Tradition immer an, dass etwas stagniert, dass etwas unterjocht und zurückgehalten wird. Und das ist bei Ihnen nichts anderes als die Leidenschaft. Inzwischen hat sich davon soviel gestaut, dass Sie sich selbst davor fürchten. Und sich selbst dafür bestrafen. Okay, sind Sie bereit einen kleinen Preis zu zahlen? So wie damals, im Häuschen mit der goldgelben Laterne? Ja, dazu sind Sie bereit. Sonst hätten Sie nicht das gelbe Bärchen gezogen. Damals war man mit einem kleinen Goldnugget dabei. Was der Preis diesmal ist, wissen Sie schon. Es dämmert Ihnen in diesem Augenblick. Ja, Sie müssen etwas opfern. Etwas von dem, was Sie nach aussen zeigen. Etwas von Ihrer Fassade. Von dem also, was ohnehin nicht zu Ihnen gehört. Sie brauchen Ihren Ruf nicht gleich ganz zu ruinieren. Es reicht, wenn Sie etwas ungenierter leben. Lassen Sie den Bären los. Vielleicht am Anfang nur ein Bärchen. Lassen Sie es steppen. Und bald geniessen wir alle den Tanz Ihrer wunderbaren Leidenschaft.

Soso. Nun gibt es ja zwei unterschiedliche Sorten von derlei Hokuspokus. Die Weissagung, die in die Zukuft blickt (“Die Kristallkugel sagt, sie werden am 18. Juni ihre große Liebe treffen…”), und diverse Orakel, die uns versuchen etwas über uns selbst zu erzählen, das wir meist eh schon wissen, aber nicht wahrhaben wollen (Sternzeichen, Gummibärchenorakel,…). Als aufgeklärter, rationaler, postmoderner Mensch ist es natürlich total irreal und absurd zu glauben, ein Gummibärchen, eine Tarotkarte, irgendein nichtsnutziger Stern in Lichtjahren Entfernung hätte auch nur den geringsten Einfluss auf unser Sein. Und den ganzen Prophezeihungsquatsch hat sich der moderne Mensch bereits mit der “self fulfilling prophecy” abgetan.

Doch warum hat solch Irreales Tun der zweiten Sorte, also Sternzeichen und Gummibärchenorakel, immer noch so große Faszination auf uns, auch wenn keiner wirklich ‘daran glaubt’? Weil sie ein Impuls sind, uns mit uns selbst zu beschäftigten, auf einer Ebene, die wir normalerweise gerne in die dunkle Welt des Unbewussten abschieben, um uns eben nicht damit beschäftigen zu müssen. Egal, wieviel von so einem Orakel oder Sternzeichenbeschreibung denn am Ende wirklich stimmt, wir gehen in uns und stellen uns eben diese Frage. Wieviel davon stimmt. Es sind Impulse, die uns so etwas vermitteln wie “Hmm, so habe ich mich noch nicht betrachtet, ich muss wirklich mal mehr auf das und das achten”. Vielleicht kommt man auch zum Schluss, “Nee, das bin ich ja mal gar nicht” – und trotzdem hat man irgendwie über sich nachgedacht und mit Fragen zu seinem Selbst beschäftigt. Ob chinesische, europäische oder indianische Sternzeichen, ob Gummibärchen- oder Weisheitszahnorakel, sie alle dienen nur dazu, Unsichtbares in uns selbst sichtbar zu machen, an die Oberfläche zu holen. Natürlich hängt unser Wesen nicht von der Farbe eines Gummibärchens ab, die Gummibärchen/ Sternzeichen/ [bevorzugtes Orakelobjekt einsetzen] helfen uns nur, unser “Wesen” – was immer das auch sein mag – ein wenig besser kennenzulernen.

Ich bemühe mal die schöne Metapher von Douglas Adams, der in seinem vierten oder fünften Buch vom “Hitchhiker’s Guide to the Galaxy” eine aufgeklärte Journalistin loslässt auf eine Frau, die ein Sternzeichenbuch veröffentlicht hat. Die wiederum folgendes Bild bemüht: Man stelle sich einen Notizblock vor, auf den man etwas mit Kugelschreiber schreibt. Dann reiße man die beschriebene Seite ab und werfe sie weg. Nun hat man ein leeres Blatt vor sich. Man nehme etwas Eisen- (oder Blei? Graphit? Schon etwas länger her seitdem ich das gelesen habe) Staub und puste den nun über das vermeintlich leere Blatt. Und plötzlich wird wieder teilweise sichtbar, was da schon vorher geschrieben stand, was sich durchgedrückt hat, was man aber zuerst nicht sehen konnte. Es hat ein Hilfsmittel gebraucht, um die verborgenen Dinge wieder sichtbar zu machen. Und dieses Hilfsmittel können – jetzt im übertragenen Sinne – Sternzeichen oder Gummibärchen sein, es kann wahr oder falsch sein was beim Orakel oder Horoskop rauskommt. Wichtig ist, wie wir diese Ergebnisse anwenden, um vielleicht einen etwas anderen Blickwinkel auf uns selbst zu erlangen.

Wer nun neugierig auf das Gummibärchenorakel ist oder auch einfach nur einen kurzweiligen und ganz profanen Zeitvertreib für eine Party oder Halbzeitpause sucht: Auf Amazon gibts die Bücher, und HIER gibts die Ergebnisse sogar online. Abgesehen von dem ganzen Sebstfindungsquatsch kann es auch einfach ein feucht-fröhlicher Spaß sein, den liebsten Freund mal ungeniert mit Kaiser Nero vergleichen zu dürfen.

First Look! Die exklusive Preview auf den neuen Blog

*Trommelwirbel*

Heut präsentiere ich euch eine Preview auf Karo’s Blog aus der Zukunft. Sobald meine Domain bei neuem Provider gelandet ist, wird er unter crazykaro.de zu erreichen sein, und der alte Blog unter crazykaro.wordpress.com wird stillgelegt. Es ist immer noch Work in Progress, aber hier dürft ihr einen exklusiven First Look darauf werfen. Ihr seid natürlich herzlich willkommen hier wieder Feedback abzugeben, obs euch gefälllt oder nicht.