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“Bei uns könnt ihr euch alle einbringen! Also, fast alle.”

Es häuft sich ja mal wieder, dass sich Piraten aufregen, das wäre nicht mehr die Partei in die sie eingetreten sind, wir würden von weltfremden Politikwissenschaftlern und linksextremen Gruppen unterwandert, und früher war sowieso alles besser, und es bliebe da ja nur der Austritt.

Ok. Es hieß also immer, bei uns könnt ihr alle mitmachen, bringt euch ein, hier können alle mitbestimmen, niemand wird ausgeschlossen, wir wollen überhaupt mehr Mitbestimmung für alle und ein Update für die ganze Demokratie mit dazu.

Und dann wird sich da gewundert, dass da dann tatsächlich auch Menschen kommen. Ist ja dann auch gut und schön, aber bitte nur wenn die alle so denken wie ich, und wehe, die wollen ganz was anderes!

Klar, jetzt könnt ihr euch denken, die Piraten sind doch tot, das sind doch jetzt ganz andere Leute als damals™, die wollen doch gar nicht mehr das was wir™ damals wollten, lass uns alle – also, fast alle – austreten und eine neue Partei machen, dann sind wir wieder unter uns. Oder juhu, lass uns die Piraten “gesundschrumpfen”, dann sind wir auch wieder unter uns, nur noch die, die alle dasselbe wollen!

Ähm, ich möchte da mal ganz leise anmerken, dass das doch das Problem nicht löst. Entweder man hat den Anspruch, dass alle mitbestimmen können, dann wird das auch bei einer neuen Partei und neuem Namen irgendwann auch wieder so sein dass – oh Wunder – ganz viele Menschen kommen mit ganz anderen Ideen, oder man sagt nein, Mitbestimmung nur für uns und nicht für die “Anderen”, dann kann das aber auch nicht wirklich ein Demokratieupdate mit mehr Mitbestimmung sein. Oder?

Was meiner Ansicht nach fehlt, sind Ideen, wie man Mitbestimmung besser organisiert, in Bahnen lenkt. Wie man sicherstellt, dass alle mitmachen können, ohne dass aber zum Beispiel eine kleine Minderheit so laut ist, dass sie allen anderen als Mehrheit vorkommt, oder eine Handvoll Trolle tausend andere Leute vom zusammenarbeiten abhält. Dass auch die was zu sagen haben, die nicht jede Möglichkeit nutzen sich darzustellen und zum Mikro zu laufen. Die vielleicht im Stillen super Ideen haben, die aber gar nicht mehr trauen sie auszusprechen, weil sie Angst haben vor ungeregelter Kritik und verletzenden Kommentaren. Und nein, das ausgelutschte Liquid Feedback ist da keine Lösung, ein Basisentscheid auch nicht. Wir brauchen viel interessantere Ideen. Ideen, mit denen wir bei uns ausprobieren, was am Ende vielleicht wirklich ein Demokratieupdate bringen könnte (ich stelle mir gerade ein Liquid Feedback mit 80 Millionen Nutzern vor *head exploding* – ähmmm nein).

Ich meine, wir müssen doch erst mal bei uns eine bessere Möglichkeit finden, mit sehr heterogenen Meinungen und Menschen und ja, auch Trollen und Weltverschwörern und alles, was da so bejammert wird umzugehen, ohne dass es im totalen Chaos endet, bevor wir behaupten, wir hätten da ein Update für diese Demokratie und wir wären für mehr Mitbestimmung. Da sehe ich bei uns seeehr großen Handlungsbedarf. Da braucht es vor allem neue und kreative Ideen, die auch mal die ausgetretenen Pfade verlassen.

Ich habe da jetzt persönlich auch keine Lösung, aber ich finde das wäre ein so grundlegendes Problem der Piraten, es wäre wert sich da gemeinsam Gedanken darüber zu machen.

Der etwas andere Piratenparteitag mit Online-Mitbestimmung

Falls jemand schon vor mir auf die nun folgenden Gedanken gekommen ist, verzeiht mir. Ich mache sie mir trotzdem, die Gedanken, und schätze jeden Hinweis auf Anträge und Vorschläge, die es dazu eventuell schon gibt.

Ich frage mich, wie man normale Parteitage und digitale Mitbestimmung abgesehen von der  Zusammenschaltung von dezentralen Parteitagen noch so verbinden könnte. Und lande in meinem Gedankenstrudel schließlich bei Live-Abstimmungen (evtl. mit Delegationen).

Kein kompliziertes Abstimmungstool mit Diskussion und Quoren und Phasen und ähnlichem, sondern ein Live-Abbild der Abstimmungen, die vor Ort auf dem Parteitag stattfinden (natürlich nur die nicht-geheimen!).

Sieht im Prinzip so aus, es steht auf dem Parteitag zum Beispiel eine Abstimmung an über (GO-)Antrag xy, es wird dann im Tool online dieser Antrag (nur Titel) eingestellt mit einer Abstimmungszeit von insgesamt 30 oder 60 Sekunden, und nicht nur jeder Akkreditierte auf dem Parteitag stimmt vor Ort online ab, sondern alle stimmberechtigten Mitglieder können auch von Zuhause aus in diesem Tool abstimmen.

Falls man also keine Zeit oder kein Geld hat, um auf den Parteitag zu fahren, oder dieser schlicht am anderen Ende von Deutschland liegt, man gerade im Urlaub ist oder eingeschneit – Stream geschaut, ins Tool eingeloggt, und schon kann man live abstimmen, vorausgesetzt man hat seinen Beitrag bezahlt und ist im Tool eben stimmberechtigt.

Das lästige “Hmm von mir aus sehe ich aber mehr blaue Karten” seitens des Wahlleiters und dazugehörige Auszählorgien und Anträge auf Auszählung entfallen damit, denn das Ergebnis steht ja nach dem gewählten Abstimmungszeitraum (z. B. 60 Sekunden) unumstößlich fest.

Der leidige Regionalproporz ist damit auch abgemildert, das “Mimimi der Parteitag ist in Bayern/Berlin/Schwaben… die Welt geht unter” somit nicht mehr so entscheidend, die Bayern/Berliner/Schwaben und jedes andere Mitglied, egal wo(her), können ja auch abstimmen. Ja, natürlich ließe sich das System trollen durch einen Antrag auf geheime Abstimmung, aber ich vertraue einfach mal ganz naiv in Intelligenz, Fairness, und den Grundsatz Weltfrieden™ vor Partei- und Partei- vor persönlichen Interessen. Die meisten Abstimmungen sind nun mal, sofern es sich nicht um einen Wahlparteitag handelt, eben nicht geheim.

So, man könnte dabei natürlich noch ein Delegierten-System einbauen. Wenn ich also gerade in meinem kleinen Bergdorf eingeschneit bin und den Stream gucke, brav abstimme, dann aber das Baby wickeln, die Oma pflegen, aufs Klo oder sonstwas tun muss oder das Parteitagswochenende im Flugzeug sitze oder arbeiten muss oder egal was, kann ich während des Parteitages meine Stimme delegieren, idealerweise aber nicht zwingend an jemanden vor Ort auf dem Parteitag (könnte man ja sogar so machen, dass wer vor Ort akkreditiert ist, irgendwie im Tool markiert oder angezeigt wird, um das zu vereinfachen). Gefällt es mir nicht, wie jemand abstimmt, kann ich meine Delegation jederzeit (außerhalb von gerade laufenden Abstimmungen) jemand anderem geben, oder wieder selber abstimmen.

Klar kann man das noch mit Präferenzdelegationen oder anderen Systemen verfeinern, ich hoffe allerdings nicht, dass jemand auf die Idee kommt, sowas wie undurchsichtige Kettendelegationen wollen zu wollen. Schließlich will ich vorher wissen, wer für mich abstimmt, und nicht, dass meine Stimme bei irgendwem landet, den ich nicht kenne oder dem ich meine Stimme auf gar keinen Fall geben will.

Das wars dann auch schon, eigentlich nicht so spektakulär. Ich freue mich über Rückmeldungen, Anregungen, Meinungen, Kritik, Fäkalienstürme, Umsetzbarkeitsprohezeihungen und ähnliches.

Jetzt mache ich auch mal auf wütend

[Dieser Post war eigentlich vom 9.7. und er ist jetzt hierher umgezogen von karoline-stiefel.de, da ich diese URL wahrscheinlich anderweitig nutzen werde in Zukunft. Deshalb darf er jetzt hier weiter wohnen]

“Die Piraten, die sind ja alle so unprofessionell”. “Die produzieren ja nur Skandälchen”. “Ja schön und gut, sie haben ja wichtige Themen, aber in den Parlamenten könnten sie nicht arbeiten”.

Wir müssten ja erst mal “Diskurse zwischen Basis und Führungspersönlichkeiten” moderieren lernen, wie Hannah Beitzer das so schlau ausdrückt.

Jetzt sag ich auch mal was. Weil ich dieses ganze Gejammere nicht mehr hören kann.

Erstens: So platt es klingt, ich habe nach wie vor lieber offene Reibereien, Skandale, Streitigkeiten, Shitstürme und -störmchen, als stilles Geklüngel und Vetternwirtschaft. Wo gar nicht mehr gestritten werden muss, wer die nächste “Führungspersönlichkeit” sein soll, weil es ohnehin immer schon lange vorher feststeht – und wo ebenfalls kein “Diskurs” stattfindet. Würden manch andere Parteien so arbeiten wie wir, die Piraten wären im Gegensatz zu dem, was da hinter den Türen so stattfindet, ein ziemlich zahmer Haufen.

Ich werfe mal noch einen neunmalklugen Spruch hinterher:

“Demokratie ist chaotisch, lärmend, kakophonisch, streitsüchtig. Wenn Schweigen eintritt, dann besteht Grund zur Sorge.” Michael J. Sandel

Zweitens: Ja, wir sind unprofessionell. Wenn ich mir aber anschaue, was da total “professionell” in der Politik momentan so fabriziert wird, dann finde ich das mitsamt einem Nocunschen “verdammt nochmal!” auch gut so. Wir sind wahrscheinlich politisch nicht so gebildet, nicht mit den all den Tricks vertraut, nicht mit allen politischen Wassern gewaschen, nicht so gut im verhandeln und antäuschen, mal ungeschickt, wir haben nicht immer die perfekten Worte parat, um das auszudrücken, was wir eigentlich sagen wollen.

Aber. Ein großes ABER. Wir wollen was verändern. Wir haben Visionen, wie wir diese Gesellschaft besser machen wollen, für alle, die darin leben. Und nicht für diese eine Gesellschaft, sondern als weltweite Bewegung, für alle Menschen. Und das nicht nur für die Menschen im hier und jetzt, sondern auch für die zukünftigen, für Kinder und Kindeskinder.

Nicht man selber steht an erster Stelle. Nicht die Partei. Nicht “die Wirtschaft”. Sondern die Menschen, für die eigentlich Politik gemacht wird.

“Aber das wollen doch alle Politiker!” Ja genau. Deshalb haben sie es ja auch bisher noch nicht mal geschafft, die UN-Konvention gegen Korruption und Abgeordnetenbestechung zu ratifizieren. Da soll mir noch einer sagen, dass es da um den Bürger geht, und nicht um sich selbst, ums Geld, um die Kontakte in die Wirtschaft, um den nächsten Wahlsieg, den Machterhalt.

Neunmalkluger Spruch Nummer zwei: ”Es ist schwer, einen Menschen zu bewegen, etwas zu verstehen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen”. Upton Sinclair

Ich glaube die meisten Piraten machen Politik aus Notwehr (Daniel Gruber zum Beispiel). Nicht weil man als Traumberuf Politiker hat. Ganz im Gegenteil, ich glaube die meisten von uns würden liebend gerne andere Dinge tun. Schöne Dinge. Wir müssen aber etwas tun. Wenn wir alle einfach nichts mehr tun und alles hinnehmen und ohnmächtig unser Leben vor uns hinleben, und uns alles egal ist – das wäre das wahre Ende der Demokratie.

Und deshalb sind mir unsere streitsüchtigen, skandalträchtigen Piraten immer noch tausendmal lieber als glattgebügelte, perfekte, professionelle Politiker.

 

Übrigens: Wer sich daran stört, dass wir oft versuchen, etwas Spaß und den vielzitierten “Punkrock” (im übertragenen Sinne) in die Politik zu bringen und uns selber und überhaupt alles nicht immer so ernst zu nehmen – dem sage ich mal, hey, genau, bierernste Politik hat uns ja auch immerhin soweit gebracht, dass sich keiner mehr dafür interessiert und die meisten ihrer überdrüssig geworden sind. Verteil mal Flyer in der Fußgängerzone, da heißt es dann “Ihh, das ist ja was politisches”, als wäre “politisch” irgendeine aussätzige Krankheit. Oder Leute, die sich dann beschweren, wenn man was ‘politisches’ auf der eigenen Profilseite auf Facebook postet.

Das sollte sich ändern. Und wenn das mit mehr Spaß dabei besser klappt, dann her damit. Politik geht uns alle an, es bestimmt unsere (und nicht nur unsere) Gesellschaft und damit unser Leben. Deshalb schließe ich hiermit:

Oh, my political posts are annoying you? Sorry, I thought the future of our planet was worth discussing. By all means, show me another picture of your dinner.

Noch ein Blog?

karoline-stiefel.de? Warum das denn? Das hängt mit der Landtagswahl in Bayern dieses Jahr zusammen. Und meinem Platz auf der Mittelfrankenliste für die Piraten.

Ich bin der Meinung, dass mein politisches Ich sich nicht von meinem restlichen Ich trennen lässt, wie auch, ich kann mich da ja nicht aufspalten. Für was ich mich begeistere, was mich stört, wie ich die Welt und das was darin passiert sehe, was ich daran gerne ändern möchte, das macht mich aus, in aller Gänze und nicht nur irgendeinen Teil von mir.

Also, wieso dann noch ein Blog? Weil ich denke, dass sich während und vor den Wahlen Menschen über mich informieren wollen, wen sie denn da ankreuzen können, und was denn da für Menschen für die Piraten antreten. Ich will ihnen das möglichst einfach machen, und deshalb sammle ich bis zu den Wahlen alles Politische, ein paar Kurzinfos über mich und Infos zu den Wahlen selbst einfach dort, auf karoline-stiefel.de. Dann müssen sich diese informationssuchenden Menschen nicht erst durch belanglosen Kram wühlen, wenn sie nur zu meiner ‘politischen’ Person etwas suchen.

Ich denke, ich werde Posts dann einfach crossposten, sie sind weiterhin Teil vom Regenbogenstrudel (sind ja auch meine Gedanken), zusätzlich gibt es hier dann aber noch die üblichen Verrücktheiten.

So der Plan.

“…occasionally you seem burnt out on all of the fighting and discourse”

Gesehen auf diversexity - ich dachte mir, das passt ganz gut zum Piratenburnout-Syndrom:

Open Letter to Activists

Hi,
I understand the concept of confronting oppression and calling out prejudice when it is against you or others that are not capable/willing to speak out. I think that it is a very valuable skill and one that I sometimes do not have the courage to use. I am glad that you are willing to place yourself in that role.

I am concerned that occasionally you seem burnt out on all of the fighting and discourse. It looks from the outside like you have become so sensitive that you are also now fighting against people who would be willing allies or even budding new activists.

I hope that with all of the activism and awesomeness that you are trying to spread you are also remembering to have an element of self care and self preservation. This way you can come into each new bout with plenty of steam and lots of patience and understanding for the people you are engaging.

“Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation, and that is an act of political warfare.”
— Audre Lorde, A Burst of Light (1988)

By stepping back and taking time to find joy rather than oppression, to find peace rather than confrontation, you give yourself time to recharge. That sense of renewal can have a monumental influence on the influence you have on others.

I hope this finds you well.
Arizona