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Fernsehen im Web: Arte+7

Traditionelles Fernsehen wird für mich zunehmend unattraktiver. Abgesehen vom abgrundtief desaströsen Niveau der meisten Sendungen und Sender gibt es einfach nicht mehr viel, was ich wirklich interessant finde. Außerdem will ich englische Fernsehserien und Filme im Original sehen, und vor allem will ich gucken, wann ich will, und nicht wann es mir das Programmschema vorschreibt.

Und genau deshalb gucke ich viel über das Internet. Meine derzeitige Lieblingsseite: Arte+7. Da gibt es viele Arte-Sendungen der letzten sieben Tage kostenfrei zu schauen – da ist meistens irgendwas nettes dabei, mal ein Kurzfilm, mal eine Philosophie-Sendung, mal Kulturklatsch. Dafür, dass diese Sendungen beim VOD-Angebot von Arte (nicht zu verwechseln mit Arte+7) dann auch mal 3,99 Euro kosten, ist das schon ein ganz nettes Angebot.

Auf jeden Fall eine Alternative, wenn im klassischen Fernsehen mal wieder der übliche Talk-Reality-Gerichts-Game-Wiederholungssuppenschlonz vor sich hinköchelt.

Mein Senf (1): Ranicki vs Gottschalk

Gestern Abend war ja der heißersehnte Showdown von Marcel Reich-Ranicki gegen Thomas Gottschalk, oder auch Ranicki vs das deutsche Fernsehen. Die Fronten blieben recht verhärtet, Ranicki redete von Mühe geben und Mut haben und Gottschalk von der Quote wie Gabi die Pfote, und irgendwie schienen sie eigentlich einen gemeinsamen Nenner zu haben und redeten doch aneinander vorbei.

Mein Senf zur Quote ist aber folgender: Was gar keiner erwähnt, ist ja, dass zu bestimmten Zeiten im deutschen Fernsehen wriklich ausschließlich Schund läuft (nicht im Fernsehen generell). Wenn ich nun aber genau in dieser Zeit, sagen wir Nachmittags zwischen eins und drei, einfach fernsehgucken will, weil ich halt gerade das Bügeleisen auspacke oder einer ähnlichen Beschäftigung nachgehe, die nach einer Fernsehberieselung geradezu schreit, dann habe ich die Auswahl zwischen Pest und Cholera (zumindest als Normalmensch, der noch keine dreihundert digitale Fernsehkanäle hat sondern ganz normales analoges Kabel). Um die Uhrzeit laufen dann zwei bis drei Kochshows, ebensoviele Zoolenovelas, etwa fünf Talk- und Gerichtsshows, vier Reality-TV-Shows und zwei schlechte Zeichentrickfilme. Ohne Witz, Pokemon ist da schon ein Highlight um die Uhrzeit. Ich habe die letzten Wochen bestimmt fünf Pokemon-Folgen gesehen, einfach, weil wirklich NICHTS im Fernsehen kam, was sonst irgendwie ertragbar gewesen wäre. Und nun zurück zur Quote: Ich glaube, dass stellenweise (!) der Schund, der nach Gottschalk in die Kategorie Niedere-Unterhaltung-aber-bringt-Quote-die-Leute-wollen-das-so fallen würde, einfach nur deshalb Quote bringt, weil nunmal ausschließlich solcher Schund läuft. Um manche Uhrzeiten hat man de facto einfach keine Wahl zwischen Intellektuelles-Bildungsprogramm-für-die-Elite-mit-schlechter-Quote und niederer Unterhaltung. Wenn man genau dann aber gerade den Fernseher anmacht, schau ich eben auch mal Pokemon oder die dreihunderste Kochsendung. Nicht weil ich das sehen will, sondern weils nichts anderes gibt.

Klar hat Gottschalk aufs prestigeträchtige Abendprogramm bezogen im Prinzip natürlich recht mit dem Quotendruck und dem Unterhaltungszwang, sowie auch mit seinem Plädoyer für die freie Wahl jedes einzelnen, was er so gucken möchte. Aber eben auch nur zum Teil – manchmal hat man eben nicht die Wahl sich was anzugucken, was über das Niveau einer Pokemon-Sendung hinausgeht. Dass man mit Shakespeare die Jugend von heute nicht mehr beeindrucken kann, widerlegt außerdem die Verfilmung von Romeo & Juliet mit Leonardo di Caprio. Das vernachlässigte Nachmittagsprogramm betreffend gebe ich Renicki jedenfalls vollkommen recht, dass hier schlicht und ergreifend keiner den Mut hat und sich die Mühe macht, auch mal was kreatives jenseits der Reality-TV-Shows auszustrahlen. Das muss auch nicht hochgeistig sein, das kann auch einfach nur mal was sein, was neu und nicht ganz so blöde ist und damit auch besser unterhält – und darauf kommts ja an, das war so der eine gemeinsame Nenner von Ranicki und Gottschalk. Und wenn das im Nachmittagsprogramm funktioniert, kann man das ja zum Teil auch mal auf das Abendprogramm übertragen.

Vieleicht muss man, wenn man übers Fernsehen spricht und Fernsehen macht, erstmal weggehen davon, nur in engen Kategorien zu denken. Dass es nur den billigen aber unterhaltenden Schund und die hochgeistige Kissinger-Reportage gibt. Ich bin fest davon überzeugt, dass es auch anders geht, dass man genausogut oder sogar noch besser unterhalten und Quote machen kann mit witziger, intelligenter, kreativer Unterhaltung. Dann klappts auch mit dem Fernsehpreis.