Tag Archive for Kultur

Zur ‘Natürlichkeit’ der Kategorien Mann/Frau

Ich gebe mal einfach so einen Denkanstoß.

Ja, Menschen sehen unterschiedlich aus, sind unterschiedlich gebaut, sie sind nicht alle “gleich”, was die biologische Bauweise der Geschlechtsorgane betrifft. Aber.

Viele kommen mit einer Gebärmutter, Vagina, Klitoris, etc. auf die Welt. Viele mit Penis, Hoden, Prostata etc. Weniger viele kommen mit allen nur erdenklichen Zwischenformen auf die Welt (ich verweise hier einmal auf blog.zwischengeschlecht.info).

ALLE diese Formen, Zwischenformen inklusive, sind ‘natürlich’. So, wie sie die ‘Natur’ hervorbringt. Dass wir jetzt eine Form ‘Frau’ nennen, und eine andere ‘Mann’, und alle anderen Formen komplett ausblenden und so tun als wären diese anderen Formen ‘falsch’, ‘unnatürlich’, oder gleich gar nicht existent, das ist nicht ‘natürlich’, sondern? Aha! ‘Kultur’.

Dass Menschen mit nicht ‘normgerechten’ Geschlechtsmerkmalen ohne jegliche medizinische Indikation (die äußerst selten ist) ‘zurechtgeschnitten’ werden – nicht ‘natürlich’. Kultur. Das passiert nur, um einer KULTURELLEN Norm zu entsprechen.

Die Grenzziehung zwischen ‘noch normal’ und ‘nicht mehr normal, muss man normalisieren’ ist dementsprechend willkürlich.

Ich habe jetzt auch keine Lösung, wie man zum Beispiel das Problem der geschlechtsneutralen Sprache lösen könnte, ich habe bisher keine komplett zufriedenstellende Lösung gesehen (Vorschläge zum Beispiel hier im sprachlog).

Ich glaube aber, dass zumindest das Bewusstsein dafür, dass eben auch die Kategorien Mann/Frau mehr kulturelle Normen als biologische, ‘natürliche Tatsachen’ abbilden und dass sie eine mal mehr, mal weniger oder auch mal gar nicht nötige Komplexitätsreduktion sind, schon einmal ein wichtiger Schritt ist.

Australia Week V: Abschließende Worte

Nachdem ich mich nun eine Woche lang für mein DAAD-Auswahlgespräch vorbereitet hatte, kann ich Euch nur sagen: Solltet Ihr jemals etwas zu Australien (Landeskunde, Kultur, Politik, New Australian Cinema) wissen wollen – wendet Euch an mich. Der DAAD hat mich jedenfalls zu nichts davon gefragt, deshalb tut mir den Gefallen und wenn Ihr mich das nächste Mal seht, fragt mich irgendwas. Bitte. Damit dieses ganze Wissen wenigstens noch für irgendwas gut ist bevor ich es wieder vergesse.

Ich kann Euch zum Beispiel alle Premierminister bis 1972 mit der zugehörigen Partei aufsagen, die Bundesstaaten und die Territorien, kann Euch die Flagge, das Wappen, die Nationalfarben erklären, Bruttoinlandsprodukt, Einwohner pro Quadratkilometer, die Nationalfeiertage, bundesweite Fernsehsender und Zeitungen, den neuesten Klatsch und Tratsch der letzten Woche oder kann Euch erklären was die Worte Gallipoli, Boer und Eureka im Zusammenhang mit Australien bedeuten.

Ok, eine kleine Kostprobe: Auf dem Wappen sind neben dem Commonwealth-Stern, einem Australien-Banner sowie Zweige der Golden Wattle (ein Akazienart mit goldenen Blüten) ein Emu und ein Känguruh – die Tiere können nicht rückwärts laufen und stehen deshalb für progress, Fortschritt…

Vom Denglischen in Austria

Ich möchte hier einmal über die Anglizismen-Obsession der Österreicher (ich verallgemeinere hier einmal ganz unverschämt, bin mir aber dessen zumindest bewusst und weise darauf hin) philosophieren. Es ist schon erstaunlich, dass das Motto einer Werbekampagne von McDonalds in Deutschland ein gestandenes “Ich liebe es!” ist, während in Österreich ohne einen Mucks von Seiten der Sprachbewahrer überall “I’m loving it!” zu lesen und zu hören ist. Dann braucht man sich nur mal die Webseiten oder Werbeanzeigen der Skitourismus-Orte ansehen: Ein Naturwanderung heißt jetzt “Nature Watch”, die Piste ist ein “Skicircus” und der Transferbus vom Flughafen ist ein “Holiday Shuttle”. Es scheinen sich streckenweise ausschließlich eingedenglischte Begriffe zu tummeln: “Packages”, “Snow-Mania”, “Rave on Snow”, “Snow Unlimited”, “Holiday Service”, “Interactive Skipanorama”, “Partner Login”, “Live-Cams”, “News & Events”, und ganz besonders schön auch der Navigationspunkt “Winterfeeling – Images”. Bezeichnenderweise sang Reinhard Fendrich ja schon Ender der 80er die “unofficial national anthem of Austria”, mit dem schönen Titel “I am from Austria”. Und schließlich ist wohl auch Falco am Aufschwung des Englereichischen (oder Österenglisch?) nicht ganz unschuldig.

Nun ist es ja nicht so, dass es Anglizismen in Deutschland nicht gäbe, aber solch eine Obsession und Huldigung von Anglizismen ist doch etwas, was in Österreich verstärkt auffällt. Und da frage ich mich, wieso? Naheliegend ist natürlich, dass gerade der österreichische Dialekt sich immer schon bei unglaublichen vielen Sprachen bedient hat – französisch, tschechisch, ungarisch, jiddisch, italienisch, all das hat deutlich sicht- und hörbare Spuren hinterlassen, die mitunter den wundervollen Mix und die ‘uniqueness’ (!) des Österreichischen ausmachen (Buchteln, Haberer, Powidl, Beisl, Gstanzl, Erdäpfel, Fouteille, Paraplui, Chaise sind nur ein paar Beispiele für solche Einflüsse). Falco und Fendrich kann man wohl noch diesem generellen Schwammverhalten des Österreichischen zuschreiben, andere Sprachen in sich aufzunehmen und in den eigenen Dialekt zu integrieren. Dagegen ist es aber schon komisch, dass in einer Zeit, in der Österreich nach dem letzten Rechtsruck wieder mit dem Klischee des “Nazi-Landes” zu kämpfen hat, auch die Anglizismen in der Werbung und den Medien wieder so auffällig Überhand nehmen: Als würde versucht, durch eine Nivellierung des eigenen Dialekts mittels einer ‘sterilen’ Weltsprache die ganzen ‘ausländischen’ Einflüsse zu tilgen, die den Durchschnitts-BZÖler daran erinnern, dass er vielleicht selbst ‘ausländische’ Wurzeln hat und ein Hybridprodukt vieler, sich überschneidender und gegenseitig beeinflussender Kulturen ist. Wie wir alle.

Kultur, die Muppets und das Internet

Kultur? Die Muppet Show? Internet? Wie passt das denn zusammen. Unglaublich gut. Statler & Waldorf kommentieren nicht mehr von ihrer Theaterloge aus, sondern sitzen vor einem PC. Die Muppet-Figuren scheinen von irgendwem wieder zum Leben erweckt worden zu sein, und dass so perfekt, dass selbst der Charakter der Puppen noch derselbe zu sein scheint. Kostprobe?

Da performen dann auch die altbekannten Puppen altbekannte Melodien wie den “Blue Danube Waltz”:

Und am Ende wird dann kommentiert von Statler & Waldorf:

“That was terrible!” – “Horrendous!” – “I’m offended!” – “I’m appalled!” – “So what are we gonna do?” – “What else? E-mail it to everybody we know!” – “Good idea!”

Wunderbar! Die Essenz aller LOLSpam-Mails und Blogeinträge in wenigen Worten zusammengefasst. Mehr davon!

Katzenkessel

Jaja, ich bin mir sicher, das ist schon total alt, ich total out, und jeder der einigermaßen im Netz up to date ist, kennt das schon. Aber ich kannte es noch nicht! Und ich finde es wundervoll. Ein tolle Parodie! Ein wundervoller Text! Ein Gesamtkunstwerk (ok, nicht das Video, aber die Mucke an sich)! Von der Muse geküsst und dem Orm durchströmt!

Ich finds super. Wenn ich mal irgendwas covere, dann das. Und (eine parodistische Version von) “Mehr Waffen” von Christl Stürmer, aber das ist eine andere Geschichte.

Noch eine Anmerkungam Rande: Generell habe ich von einer universal-globalen Perspektive nichts dagegen einzuwenden, dass Katzen gegessen werden, schließlich ist das ja alles kulturell anerzogen was wir so zu verspeisen gewohnt sind. Die einen essen Katzen, die anderen Lamm, where’s the difference. Nur von meinem persönlichen Standpunkt aus betrachtet sind Katzen eben einfach meine Lieblingsspezies, und zwar ganz und gar nicht im Sinne von “Lieblingsspeise”. Ich bin mir auch bewusst, dass hier asiatische Stereotypen von Alterität aufgegriffen werden, die so nicht zutreffen, aber hey, eine parodistische Herangehensweise an Repräsentationen des ‘Anderen’ ist ja auch nicht die schlechteste.

Heidelberg – Deutschland für Anfänger

Seltsamerweise steht an Platz Zwei aller amerikanisch-japanischer Touristenträume in Bezug auf Deutschland die kurpfälzische Residenzstadt am Neckar, Heidelberg. Hinter Neuschwanstein, versteht sich. Aber wieso ausgerechnet Heidelberg, fragt man sich so, wenn man selber aus Deutschland kommt. Vielleicht weiß man noch, dass es die älteste Universitätsstadt Deutschlands ist, aber dann weiß man auch schon relativ viel über Heidelberg.

Das Fazit nun nach einem Zwei-Tages-Trip von meiner Seite: Heidelberg ist zwar schön, aber wieso es auf Platz Zwei der Must-See-Liste aller amerikanischen und asiatischen Touristen ist, weiß ich immer noch nicht. Klar, die Burg ist toll und so schön verfallen, aber es gibt sich sicher noch schönere Schlösser hinter Neuschwanstein, aber vor Heidelberg. Ich habe im Wirtshaus/Brauerei Palmbräu das leckerste Bauernbrot mit Griebenschmalz verzehren dürfen, das jemals auf dieser Erde weilte, und die größte und höchste Bambusansammlung in einem Berghanggarten gesehen (die Dinger waren haushoch!). Die Altstadt ist toll und hat viele kleine, schnuckelige Studentenläden sowie Deutschlands größten Absinth-Laden, aber das kann ja auch nicht der Grund sein für die Unsummen an Touristen dort.

Was für mich dann die Frage aufwirft, ob Heidelberg nicht vor allem eines ist: Nämlich das, was sich Japaner und Amerikaner eben unter besonders deutsch vorstellen. Die halbverfallene Ruine scheint einfach genau das zu treffen, was Touristen von Deutschland sehen wollen, und lassen sich auch davon nicht abschrecken, dass in diversen amerikanischen Reiseführern Heidelberg schon als “Lowlight” gehandelt wird, weil es so überlaufen ist. Egal, denn anscheinend gilt immer noch: Hat man Neuschwanstein und Heidelberg nicht gesehen, war man praktisch gar nicht wirklich in Deutschland. Oder hat zumindest keine deutsche Kultur gesehen.

Es war jedenfalls höchst interessant zu sehen wie Heidelberg als ein Urabbild von und für Deutschland an sich konstruiert wird – aber Heidelberg hatte natürlich auch ein paar richtig schöne, kleine, versteckte, ruhige Ecken und Momente. Mein Tip: Palmbräuhaus, Philosophenweg, Schlangenweg, Bergbahn nach oben nehmen und runterlaufen (zumindest von der Mittelstation, über den Friesenweg). Und hier noch ein paar visuelle Impressionen: