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Jetzt mache ich auch mal auf wütend

[Dieser Post war eigentlich vom 9.7. und er ist jetzt hierher umgezogen von karoline-stiefel.de, da ich diese URL wahrscheinlich anderweitig nutzen werde in Zukunft. Deshalb darf er jetzt hier weiter wohnen]

“Die Piraten, die sind ja alle so unprofessionell”. “Die produzieren ja nur Skandälchen”. “Ja schön und gut, sie haben ja wichtige Themen, aber in den Parlamenten könnten sie nicht arbeiten”.

Wir müssten ja erst mal “Diskurse zwischen Basis und Führungspersönlichkeiten” moderieren lernen, wie Hannah Beitzer das so schlau ausdrückt.

Jetzt sag ich auch mal was. Weil ich dieses ganze Gejammere nicht mehr hören kann.

Erstens: So platt es klingt, ich habe nach wie vor lieber offene Reibereien, Skandale, Streitigkeiten, Shitstürme und -störmchen, als stilles Geklüngel und Vetternwirtschaft. Wo gar nicht mehr gestritten werden muss, wer die nächste “Führungspersönlichkeit” sein soll, weil es ohnehin immer schon lange vorher feststeht – und wo ebenfalls kein “Diskurs” stattfindet. Würden manch andere Parteien so arbeiten wie wir, die Piraten wären im Gegensatz zu dem, was da hinter den Türen so stattfindet, ein ziemlich zahmer Haufen.

Ich werfe mal noch einen neunmalklugen Spruch hinterher:

“Demokratie ist chaotisch, lärmend, kakophonisch, streitsüchtig. Wenn Schweigen eintritt, dann besteht Grund zur Sorge.” Michael J. Sandel

Zweitens: Ja, wir sind unprofessionell. Wenn ich mir aber anschaue, was da total “professionell” in der Politik momentan so fabriziert wird, dann finde ich das mitsamt einem Nocunschen “verdammt nochmal!” auch gut so. Wir sind wahrscheinlich politisch nicht so gebildet, nicht mit den all den Tricks vertraut, nicht mit allen politischen Wassern gewaschen, nicht so gut im verhandeln und antäuschen, mal ungeschickt, wir haben nicht immer die perfekten Worte parat, um das auszudrücken, was wir eigentlich sagen wollen.

Aber. Ein großes ABER. Wir wollen was verändern. Wir haben Visionen, wie wir diese Gesellschaft besser machen wollen, für alle, die darin leben. Und nicht für diese eine Gesellschaft, sondern als weltweite Bewegung, für alle Menschen. Und das nicht nur für die Menschen im hier und jetzt, sondern auch für die zukünftigen, für Kinder und Kindeskinder.

Nicht man selber steht an erster Stelle. Nicht die Partei. Nicht “die Wirtschaft”. Sondern die Menschen, für die eigentlich Politik gemacht wird.

“Aber das wollen doch alle Politiker!” Ja genau. Deshalb haben sie es ja auch bisher noch nicht mal geschafft, die UN-Konvention gegen Korruption und Abgeordnetenbestechung zu ratifizieren. Da soll mir noch einer sagen, dass es da um den Bürger geht, und nicht um sich selbst, ums Geld, um die Kontakte in die Wirtschaft, um den nächsten Wahlsieg, den Machterhalt.

Neunmalkluger Spruch Nummer zwei: ”Es ist schwer, einen Menschen zu bewegen, etwas zu verstehen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen”. Upton Sinclair

Ich glaube die meisten Piraten machen Politik aus Notwehr (Daniel Gruber zum Beispiel). Nicht weil man als Traumberuf Politiker hat. Ganz im Gegenteil, ich glaube die meisten von uns würden liebend gerne andere Dinge tun. Schöne Dinge. Wir müssen aber etwas tun. Wenn wir alle einfach nichts mehr tun und alles hinnehmen und ohnmächtig unser Leben vor uns hinleben, und uns alles egal ist – das wäre das wahre Ende der Demokratie.

Und deshalb sind mir unsere streitsüchtigen, skandalträchtigen Piraten immer noch tausendmal lieber als glattgebügelte, perfekte, professionelle Politiker.

 

Übrigens: Wer sich daran stört, dass wir oft versuchen, etwas Spaß und den vielzitierten “Punkrock” (im übertragenen Sinne) in die Politik zu bringen und uns selber und überhaupt alles nicht immer so ernst zu nehmen – dem sage ich mal, hey, genau, bierernste Politik hat uns ja auch immerhin soweit gebracht, dass sich keiner mehr dafür interessiert und die meisten ihrer überdrüssig geworden sind. Verteil mal Flyer in der Fußgängerzone, da heißt es dann “Ihh, das ist ja was politisches”, als wäre “politisch” irgendeine aussätzige Krankheit. Oder Leute, die sich dann beschweren, wenn man was ‘politisches’ auf der eigenen Profilseite auf Facebook postet.

Das sollte sich ändern. Und wenn das mit mehr Spaß dabei besser klappt, dann her damit. Politik geht uns alle an, es bestimmt unsere (und nicht nur unsere) Gesellschaft und damit unser Leben. Deshalb schließe ich hiermit:

Oh, my political posts are annoying you? Sorry, I thought the future of our planet was worth discussing. By all means, show me another picture of your dinner.