Ich probier das mal mit dem Grundgesetz.

Ich bin ja kein Jurist oder sowas. Und vielleicht unterliege ich ja dem Dunning-Kruger-Effekt und überschätze mich selbst maßlos. Aber ich kann a) lesen und b) sind jetzt gerade die ersten 22 Paragraphen im Grundgesetz nicht so kompliziert formuliert (§22 “Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold”). Deshalb probier ich es mal.

Da steht also unter §2 (2):

“Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.”

Das ist doch eigentlich ziemlich klar formuliert.

Meiner bescheidenen Meinung nach würde sowohl das ‘Zwangsangleichen’ der Geschlechtsorgane intersexueller Babys genauso wie Beschneidungen von Babypenissen oder auch das Ohrlochstechen bei kleinen Kindern demnach gegen diesen Paragraphen im Grundgesetz verstoßen, sofern es keine medizinische Indikation gibt (und die gibt es in den meisten Fällen nicht – medizinische Notwendigkeit hinge dann ja auch wieder mit dem Recht auf Leben im selben Paragraphen zusammen).

Eine Dissertation, die 2010 mit dem Deutschen Studienpreis geehrt wurde, kam übrigens bei den sogenannten “geschlechtszuweisenden Operationen” zum selben Schluss: Diese verstoßen gegen das Grundgesetz und müssten “umgehend verboten werden”. Ich verstehe allerdings immer noch nicht, was es an dem Paragraphen überhaupt nicht zu verstehen gibt.

Übliche Praktiken wie das “Bougieren”, sprich, Aufdehnen einer Neo-Vagina bei Babys und Kleinkindern, sind doch Folter und Kindesmisshandlung:

Die Theorie, man könne Geschlecht medizinisch festlegen, führt heute noch vor allem zu genitalangleichenden Operationen. Dazu gehören die Anlage einer Neovagina im Kleinkindalter, die Beschneidung des Genitals auf eine eindeutige, meist weibliche Größe (insbesondere Klitorisverkleinerung) oder die Kastration, letztere in der Regel mit anschließender contra-chromosomaler Hormonersatztherapie.

Die Behauptung, man könne das Geschlecht eines Menschen durch medizinische Eingriffe festlegen, führt, abgesehen von der kurzfristigen Schmerzhaftigkeit dieser Eingriffe, auch mittel- und langfristig zu physischen und psychischen Komplikationen und dauerhaften Schäden. Viele intersexuelle Menschen tragen aufgrund der schmerzhaften Eingriffe körperliche Schäden davon– etwa wenn sie aufgrund einer Verkleinerung die Sensibilität der Klitoris verlieren, wenn vernarbte Stellen bei sexueller Erregung zu Schmerzen führen oder wenn schon bei Kleinkindern die angelegte Neovagina – zum Teil bis ins hohe Alter – bougiert werden muss. (…)

Erschwerend kommt die bisherige Praxis hinzu, derzufolge die Betroffenen und deren Angehörige nicht über das chromosomale Geschlecht informiert wurden; dadurch werden den Betroffenen vielfach die Unterlagen (Aufbewahrungzeit 30 Jahre) vorenthalten. (…) Zu den psychischen Schäden gehören starke Traumatisierungen durch die Operationen und ihre Folgen. (…)

Intersexuelle Aktivisten kritisieren aus diesen Gründen die Zwangsfestlegung insbesondere im Kindesalter und fordern, die Genitaloperationen erst dann durchzuführen, wenn der intersexuelle Mensch die Operation aus eigenem Willen möchte und ihr zustimmen kann. Einige Aktivisten setzen chirurgische Anpassungen im Kindesalter mit der (von den Aktivisten abgelehnten) Beschneidung weiblicher Genitalien gleich.

Wikipedia: Intersexualität

Also wenn das kein Unrecht ist, was dann?

So. Will nun irgendeine Religion aus irgendeinem Grund mit einem irgendwie gearteten Eingriff  in einen Baby- oder Kinderkörper ebenfalls in dieses Grundrecht eingreifen, wird sich ja gerne auf den §4 des Grundgesetzes berufen, der da lautet:

Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Das soll ja auch so sein. Meines Empfindens nach gehört aber die Religionsausübung ebenfalls zum bisher noch nicht zur Sprache gekommenen ersten Teil des §2 (1):

Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

Da würde ich gerne den Fokus auf “sofern er nicht die Rechte anderer verletzt” lenken. Glaubens- und Gewissensfreiheit (§4) ist richtig und wichtig, gehört für mich aber auch zu den persönlichen Freiheitsrechten (§2). Und ist damit kein Freibrief auf die Verletzung der (Grund-) Rechte dritter – wozu eben auch in meinen Augen das Recht auf körperliche Unversehrtheit gehört, und damit ein Schutz vor dem unnötigen Abschneiden, Durchbohren oder Aufdehnen von Körperteilen von Kindern und Babys.

Vielleicht habe ich aber auch einfach alles total missverstanden was da im Grundgesetz steht.

Auch möglich.

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One Response to Ich probier das mal mit dem Grundgesetz.

  1. Die Line says:

    Na zumindest Herr Dr.med. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, scheint das in einer Stellungnahme zur Anhörung des Gesetzentwurfes der Bundesregierung ähnlich zu sehen:

    http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a06/anhoerungen/31_Beschneidung/04_Stellungnahmen/Stellungnahme_Hartmann.pdf

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