Pille(n), Patente und Pharma-Konzerne – die dunkle Seite der Pille

Ich will heute mal ein paar Sachen über hormonelle Verhütungsmittel loswerden, die mir schon lange auf der Seele liegen. Über in Kauf genommene Todesfälle, weil Patente auslaufen, der Pharmaindustrie hörige Frauenärzte* und Nebenwirkungen von Hormonpräparaten, die am Ende nicht den Medikamenten (ja, die “Pille” ist ein Medikament) zugeschrieben werden, wo sie eigentlich herkommen, sondern der “Natur” der Frau, ‘weil Frauen eben so sind’. Aber erst einmal langsam.

Ich berichte aus persönlicher Erfahrung, die mich dazu gebracht hat, mich mit dem Thema ein bisschen auseinanderzusetzen. Natürlich, meine persönliche Erfahrung ist keine wissenschaftliche Studie, nicht zu verallgemeinern. Das ist schon klar. Deshalb veröffentliche ich ja auch keine Studie, sondern einen persönlichen Blogeintrag.

Ich will auch niemanden von Verhütung abhalten oder zu Verantwortungslosigkeit aufrufen, ganz im Gegenteil, jeder der will, soll hormonell verhüten – ich will nur einmal zum nachdenken anregen, dass eben auch die “Pille” gehörige Nebenwirkungen haben kann, und man damit nicht umgehen sollte als wären es Smarties – sondern als ein Medikament mit Nebenwirkungen, wie jedes andere Medikament auch.

*Disclaimer-Modus off*

Deshalb fange ich auch mit meiner Geschichte an, die sicher eine recht normale ist. Als ich als junges Mädel ein gewisses Teenageralter erreicht hatte, ging ich zum Frauenarzt*, und bekam ohne eine nennenswertes Aufklärungsgespräch die Pille verschrieben, nicht weil ich sie wirklich gebraucht hätte, sondern weil man das halt so macht in dem Alter, alle anderen machens ja auch. Aus Gewohnheit habe ich damit weitergemacht, und irgendwann, so 10 Jahre später, habe ich mir zum ersten Mal gedacht, ach, eigentlich brauche ich gerade keine Verhütungsmittel, ich höre jetzt mal auf damit. Ist ja “nur” die Pille.

Dann habe ich festgestellt, dass mir zwar erst einmal ordentlich die Haare ausfallen, ich mich aber nach einer Weile unglaublich lebendig fühlte (irgendwann normalisierte sich dann auch der Haarwuchs wieder). Ich hatte plötzlich viel mehr Lust auf Sex. Ich hatte generell wieder Spaß mit und an meinem Körper, auch allein. Und während mit der Pille psychisch-stimmungsmäßig ein gleichmäßiges, aber relativ graues Mittelmaß herrschte, gab es jetzt viele bunte Hochs. Ja, gelegentlich auch Tiefs, mal ein oder zwei Tage pro Monat, aber all das dazwischen war so viel besser als meine Einheitslaune während der Pille.

Und ich habe mich gefragt, ob ich die letzten 10 Jahre wirklich ich selbst war. Seit der Hormonapokalypse der Teenagerjahre hatte ich da die Pille genommen, wie sollte ich da auch wissen, wie ich mich einfach so fühlen würde, ohne irgendwelche Präparate, nur als ich selbst?

Na gut, ich dachte irgendwann nicht mehr so viel drüber nach, lebte pillenlos ganz glücklich vor mich hin, ging dann für eineinhalb Jahre nach Australien, verliebte mich dort, und irgendwann kam dann doch die Frage auf, ja, willst du nicht wieder die Pille nehmen. Und nein, eigentlich wollte ich nicht unbedingt, aber na gut, aber dann ließ ich mir doch von so einer Ärztin wieder etwas aufschwatzen, was ganz neues, die neueste Generation der Pillen (“Yaz” hieß sie), total super soll die sein, total schöne Haut und Haare soll man auch noch davon bekommen, gegen Stimmungsschwankungen soll es helfen, und es kam alles in einer schicken Probebox mit Heftchen und Metallbox und anderen Gimmicks.

Da fing der Ärger an. Ich fühlte mich furchtbar. Mir war dauernd heiß und kalt, ich fühlte mich gereizt und aufgequollen und dick und gleichmäßig schlecht drauf (eins stimmte: Schwankungen gabs keine mehr in meiner Stimmung), ich hatte übelste Kopfschmerzanfälle wie ich es vorher nie kannte, mir war immer wieder aus unerfindlichen Gründen übel, und ich hatte nicht mehr die geringste Lust auf Sex. Zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich Hefepilzinfektionen, ich hatte das Gefühl diese Pillen warfen meinen kompletten Körper total aus seinem Gleichgewicht, plötzlich war ich dauernd krank mit irgendwas, als ob auch mein Immunsystem gleich mitstreikte.

Und ich hörte wieder damit auf. Und ich werde keinesfalls jemals wieder damit anfangen, mir jeden Tag irgendwelche Hormone einzuwerfen und mich einer ganzen Reihe von Nebenwirkungen auszusetzen, nur damit ich “allzeit bereit” bin, wann immer das ein Mann von mir erwartet.

Ich sag’s nochmal: Das ist eine persönliche Erfahrung. Die lässt sich nicht verallgemeinern, und hat auch keinerlei wissenschaftlich belegbare Bedeutung. Jeder Körper ist anders, andere haben damit ganz andere Erfahrungen gemacht oder überhaupt keine Probleme.

Schließlich begann ich, mal im Internet über die Pille zu recherchieren. Und hier hört es auf, einfach nur eine persönliche Geschichte zu ein.

Ich erfuhr, dass der Konzern Bayer mit seinen Drospirenon-haltigen Pillen der neuesten Generation (unter anderem Yaz und Yasmin) ein Vermögen verdient, genauer gesagt:

Die Anti-Baby-Pillen gehören zu den umsatzstärksten Präparaten der Pharmasparte. Mit den vom Zukauf Schering übernommenen Verhütungsmitteln Yaz und Yasmin setzte der Konzern 2011 weltweit immerhin 1,07 Milliarden Euro um – etwa ein Zehntel des Gesamtumsatzes im Pharmageschäft. (welt.de)

Aber nicht nur das: Wie der Titel des oben zitierten Artikels besagt (“Anti-Baby-Pille könnte Bayer Milliarden kosten”), hat Bayer schon seit Jahren eine Flut von Klagen am Hals, da diese neuen Pillen wesentlich gravierendere Nebenwirkungen haben als die der ‘alten’ Generation. Unter anderem ein doppelt so hohes Thrombose-Risiko. Dazu noch einmal ein Zitat aus einem Artikel der taz:

 

Die Fachzeitschrift arznei-telegramm riet schon bei der Markteinführung von Yasmin zur Zurückhaltung: “Bei dieser dürftigen Risikoinformation halten wir den Gebrauch von Petibelle und Yasmin für nicht begründbar.” Das Blatt machte auf die chemische Verwandtschaft des Inhaltsstoffes Drospirenon mit Spironolakton aufmerksam, dessen pharmakologische Verwendung nach Studien zum Krebsrisiko starken Auflagen unterliegt.

Ein weiterer Kritikpunkt in der neu entflammten Diskussion um Yasmin ist die Marketingstrategie von Bayer. Yasmin, so verspricht die Werbung, helfe bei Akne, unreiner Haut und Problemen mit fülligem Haar. Lieber eine Lungenembolie als die Haare nicht schön, mag da so mancher Teenager denken.

So. Und wieso macht Bayer so viel Geld damit, wieso wird da etwas neu erfunden und verschlimmbessert, wieso werden diese Pillen trotz ihrer stärkeren Nebenwirkungen so aggressiv beworben, obwohl die alten besser waren? Aha! Da kommen wieder die Patente ins Spiel. Die laufen nämlich für die Pillen früherer Generationen aus. Das würde bedeuten, weniger Geld für Bayer. Also lieber mal über Leichen gehen (denn ja, Teil der Sammelklagen drehen sich eben auch um Fälle, bei denen junge Mädchen oder Frauen gestorben sind. Allein in Deutschland “seit Zulassung des Medikaments im Jahr 2000 (…) insgesamt sieben Todesfälle”). Dazu noch etwas aus der Süddeutschen:

Als Grund dafür, dass die moderneren Pillen noch immer so häufig verschrieben werden, vermutet der Bremer Sozialwissenschaftler, der den Arzneimittelreport verfasst hat, das Auslaufen der Patente für Pillen der zweiten Generation. Damit ist in der Regel für den Hersteller ein Preisverfall verbunden.

Die noch patentgeschützten und damit für die Pharmaindustrie lukrativeren Antibabypillen der dritten und vierten Generation würden dagegen gezielt beworben und vermarktet, sagte Glaeske: “Tatsache ist, dass dieser Markt nicht zugunsten der Frauen ausfällt.”

 

Na dann, Mahlzeit. Und anstatt von seinem Frauenarzt* darüber aufgeklärt zu werden, bekommt man eine hübsche Box in die Hand gedrückt, mit freundlichen Grüßen von Bayer, hier, nehmen sie das, das ist total toll, teuer und neu. Und das ist natürlich reine Spekulation, aber wie war das nochmal mit dem Gerichtsurteil vor ein paar Monaten, Ärzte* dürfen weiterhin Geschenke von Pharmafirmen annehmen? Da wird einem echt schlecht. Sorry, aber das ist zum speim. Speiben. Sich übergeben.

So. Das ist mal das eine.

Die andere Sache die mich so wütend macht in Bezug auf die Pille hat Julia Seeliger in einer Kolumne der taz auf den Punkt gebracht.

Da geht es um die Pille für den Mann. Um Studien, die wegen Nebenwirkungen wie Depressionen, Libidoverlust und Gewichtszunahme bei den meist älteren Studienteilnehmern abgebrochen wurden. Oha. Das kommt einem doch bekannt vor, diese Nebenwirkungen. Ach ja, wie war das nochmal bei der Pille für die Frau? Hm. Also wie jetzt? Frauen dürfen diese Nebenwirkungen haben, sollen sie in Kauf nehmen, Männer aber nicht? Ich zitiere mal aus der Kolumne:

Die – meist männlichen – Wissenschaftler und Entscheider bei den Pharma-Konzernen sagen aber: “Habt euch doch nicht so” oder “Zickt nicht rum” oder “Stellt euch nicht so an”. Man(n) sieht die Pille als “gut” an. Älteren Frauen wird einfach nicht empfohlen, die Pille zu nutzen, jüngere dürfen sie sich aber gern einwerfen. Analog könnten ja, nur mal so als Idee, die jüngeren Männer es mit der Hormonspritze versuchen, die älteren, die sie nicht vertragen, können es ja lassen.

(…) Und am Ende haben wir den Salat: Verhütung mit Hormonen, aber bitte nur im Frauenkörper.

(…) Wozu braucht eine Frau eigentlich diese “Libido”? Muss eine Frau klar denken können? Und Migräne, das haben die doch eh alle – wenn sie Sex vermeiden wollen. So sind sie die Frauen, da kann man getrost massenhaft Hormone reinfülllen, sie beschweren sich schon nicht.

 

Ja, die Pille ermöglicht Freiheiten in Bezug auf Sex und ungewollte Schwangerschaften. Vor Geschlechtskrankheiten schützt sie natürlich nicht, verführt aber gleichzeitig ab und an mal eher dazu, das Kondom wegzulassen, auch wenn es nicht angebracht ist. Achtung, Polemik: Frei nach dem Motto, Geschlechtskrankheiten egal, Hauptsache nicht schwanger werden.

Abgesehen davon, was nützt mir die Freiheit Sex zu haben, wenn ich mit der Pille keine Lust mehr darauf habe? Und ist es nicht seltsam, dass diese geringere Libido der pillenehmenden Frau laut gängigem Stereotyp dann abgetan wird mit “so sind sie halt die Frauen, das liegt in deren Natur”, anstatt sie der Nebenwirkung eines Medikamentes zuzurechnen? Um diesem Stereotyp nicht zu entsprechen, mag dann manche Frau sich sagen, na gut, so recht Lust hab ich jetzt nicht, aber wenn der Mann will dann mach ich halt mit. Und wo genau kommt das dann den sexuellen Interessen der Frau zugute? Wieder aus der Kolumne:

An einer Stelle hatte Alice Schwarzer mal recht: Frauen sollen für Männer verfügbar sein, die sexuellen Bedürfnisse der Frau interessieren nicht. Die Pille habe dies verstärkt. Diese Kritik formulierte sie, als die Pille aufkam – in den 60ern. Recht hatte sie damit, dass der Pille auch antiemanzipatorisches Potenzial innewohnt.

So. Jetzt bin ich einmal etwas aufgestaute Wut losgeworden.

Und noch einmal zur Klarstellung: (Hormonell) verhüten zu können, ist wichtig, jeder der es will, soll es können.

ABER: Jede Frau, die mit Hormonen verhüten will, sollte sich bewusst sein, dass es eben keine harmlosen ‘Pillen’ sind, sondern schlicht und ergreifend Medikamente mit Nebenwirkungen und real existierenden Risiken.

Immerhin hat Bayer angekündigt, die Warnhinweise auf den Beipackzetteln zu verschärfen. Ich fände es aber auch total dufte, wenn wie in meinem Fall die Frauenärztin mir nicht ein tolles Promo-Päckchen in die Hand drückt und so dermaßen von einem Medikament schwärmt, dass man den Eindruck bekommt, sie bekommt Provision dafür. Sondern stattdessen ihren Job macht, ihrer Verantwortung als Ärztin nachkommt und ordentliche Aufklärung betreibt.

 

This entry was posted in Gesundheit!, Weltverbessern and tagged , , , , , , , . Bookmark the permalink.

One Response to Pille(n), Patente und Pharma-Konzerne – die dunkle Seite der Pille

  1. Petra says:

    Man sollte diesen Post ausdrucken und in sämtlichen Schulen zum Aufklärungsunterricht in der 8. Klassen verteilen.

    Vielleicht würden sich dann ein paar dusselige Gören (weiblich und männlich)mehr Gedanken über den eigenen Körper machen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *