Gegen Diskriminierung und für Geschlechtergerechtigkeit! Können wir da nicht mal gemeinsam…?

Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Geschlechterrolle, der sexuellen Identität oder Orientierung ist Unrecht. Gesellschaftsstrukturen, die sich aus Geschlechterrollenbildern ergeben, werden dem Individuum nicht gerecht und müssen überwunden werden.

Das ist aus dem Grundsatzprogramm der Piratenpartei. Da stehe ich voll dahinter. Ich will für dieses Ziel eintreten, und ich bin der Meinung, dazu müssen wir alle zusammenhelfen, um etwas zu bewegen.

Ich habe aber persönlich das Gefühl, dass das mit der ‘Zusammenarbeit’ von Menschen, die dieses Ziel teilen, nicht immer so einfach ist.

Warum?

Erst einmal vorneweg: Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sich Menschen Feminist_Innen nennen. Ich verunglimpfe ‘den’ Feminismus nicht, ganz im Gegenteil, viele tolle, wichtige Dinge wurden/werden damit erreicht. Ich sage auch niemandem, er/sie/es darf oder soll sich nicht so nennen. Ich will niemanden beleidigen, auf den Schlips treten, verletzen.

Nur für mich ganz persönlich ist eben so, dass ich diesen Begriff nicht für mich verwende, weil er für mich kurz gesagt zu sehr in Binaritäten verhaftet ist (das ist nicht als Beleidigung oder Verunglimpfung gemeint). Ich bin voll und ganz gegen Diskriminierung aufgrund von Geschlecht/Geschlechterrollen/sexueller Orientierung sowie gegen Gesellschaftsstrukturen, die diese aufrecht erhalten. Und ich will mich trotzdem nicht Feminist_In nennen müssen.

Dieses müssen ist es, was mich so stört, und die Feindseligkeit, mit der man konfrontiert wird, wenn man so etwas ausspricht. Ich hoffe, dass diese Feindseligkeit nicht so gemeint ist – ich möchte auch niemanden unterstellen, dass sie Absicht ist – aber auf mich persönlich wirken die Reaktionen darauf leider oft feindsinnig.

Da wird einem dann erst mal bissig entgegengeschleudert, wenn man sich nicht Feminist_In nennen will, dann habe man ‘den’ Feminismus nicht verstanden. RTFM, wie man dann so zu hören bekommt. Ähm, nein. Ich habe mich im Zuge meines Studiums der Kulturwissenschaften durchaus ausführlich mit Feminismus, first-second-third-wave, Gender Studies, Queer Studies beschäftigt. Was mich in meinem Denken auch sehr geprägt hat, und darüber bin ich sehr froh.

Und nur weil ich mich persönlich nicht so nennen will, macht mich das noch lange nicht zu einem anti-feministischen Menschen und schon gar nicht zu einem sexistischen Menschen. Das ist auch so etwas, was mich stört, was meiner Meinung nach einer produktiven Zusammenarbeit abträglich ist, dieses “wenn du nicht für mich bist dann bist du gegen mich”.

Ich brauche für mich persönlich da jetzt auch gar nicht unbedingt ein Label, einen -ismus. Ich weiß, dass im Zuge der Gleichberechtigung von Frauen, Männern, inter-, trans-, homo-, bi-, oder pansexuellen Menschen noch viel getan werden muss. Und ich würde gerne etwas dazu beitragen, dafür arbeiten, mit Leuten zusammen konstruktiv nach Lösungen suchen, wie wir diese Ziele erreichen können. Ich möchte aber dabei nicht beschimpft und verletzt werden, und ja, so fühle ich mich, wenn mir jemand etwas sagt im Sinne von “wenn du dich nicht genau so nennen willst dann hast halt keine Ahnung”.

Es wäre meiner Meinung nach einfach schön und würde uns alle näher an unsere gemeinsamen Ziele bringen, wenn wir diese auch im gegenseitigen Respekt füreinander gemeinsam verfolgen, anstatt uns gegenseitig Begrifflichkeit aufzudrücken und uns darüber metaphorisch gesprochen die Köpfe einzuhauen.

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14 Responses to Gegen Diskriminierung und für Geschlechtergerechtigkeit! Können wir da nicht mal gemeinsam…?

  1. Emmanuelle says:

    Danke,
    so geht es mir auch oft, und aufgrund der vielen Angriffe durch Feminist_innen traue ich mich kaum noch, frei zu sprechen bzw. zu schreiben.
    Nicht der gleichen Meinung zu sein, wie radikale Feministen bedeutet nich lange nicht, dass man doof ist.
    Ich bin Pirat, weil ich auch glaube, dass es viel mehr gibt als Männer und Frauen, und ich meine überzeugung im Post-Gender Gedanken wiedergefunden habe.
    Danke für diesen Text.
    LG
    Emmanuelle

  2. Die Line says:

    Puh, da bin ich schonmal froh, mit meiner Wahrnehmung nicht alleine zu sein. Aggressives Zum-Schweigen-Bringen finde ich einfach nicht gut, das ist das Gegenteil von konstruktiv, und das passiert nunmal wenn man jeden ‘Nicht-Feminist’ ausnahmslos und automatisch als sexistischen ‘Anti-Feminist’ bezeichnet (das ähnelt übrigens dem ‘silencing’, das Judith Butler in “Precarious Life: The Power of Mourning and Violence” beschreibt, wenn man da mehr drüber lesen will).

  3. endolex says:

    Die Feminist*innen die ich kenne sehen kaum ein Problem darin, wenn sich jemand selbst nicht Feminist nennen möchte. Aber problematisch wird es, wenn ihnen gegenüber jemand ein sich-distanzierendes Fass darüber aufmacht, sich nicht Feminist nennen zu wollen. Es ist vielleicht bißchen wie wenn ich in einen Club gehe, den ich toll finde, und ich lobe alles, die Drinks und das Essen und die Leute, und ich will dann da anfangen auch zu arbeiten – und dann zieh ich aber ausgiebig über den Namen des Ladens her.

    Fazit: Ich denke, ein rein passives Ablehnen des Begriffes stört da die wenigsten ernsthaft – nervig wird’s halt, wenn mehr über das Label diskutiert wird als über die Inhalte, jup.

  4. Die Line says:

    Ja, danke, das habe ich gelesen. Ist auch unter anderem deshalb entstanden mein Text : )

  5. Nadine Englhart (@impertinenzija) says:

    Sobald jemand von sich selbst als die “Bewegung” spricht und Sätze wie

    “Bis es so weit ist, erscheint mir eine Kritik an dem Namen zwangsläufig als Angriff gegen die Sache der Bewegung, welchem entschieden begegnet werden muss.”
    (http://genderpopender.de/warum-es-feminismus-heisst/)

    raushaut, hat er mich schon verloren.

    Grüße aus der “Hauptstadt der Bewegung”

  6. Die Line says:

    Hm zu der Club-Metapher: Ich hab persönlich eher das Gefühl, als wären da zwei Clubs nebeneinander, die beide gut sind, die viel gemeinsam haben, dass der eine Club aber dem anderen sagt, hey, wir wollen keine anderen Clubs neben uns, wenn dann musst du schon als unsere Zweigstelle unter unserem Namen aufmachen ^^

  7. Nadine Englhart (@impertinenzija) says:

    @endolex: Seit wann ist das Eintreten für Menschenrechte und gegen Diskriminierung denn ein Club, den die Feminismus-Bewegten für sich gepachtet hätten?

    Um im Vergleich zu bleiben: Ich geh in einen Club, und finde ihn ganz nett. Einiges liegt darin jedoch im Argen, das Personal ist seltsam, die Drinks schmecken komisch. Deshalb beschließe ich, die Räume daneben anzumieten und dem so entstandenen Club, der bessere Drinks anbietet und netteres Personal aufweist, einen eigenen Namen zu geben. Woraufhin mir die Leute vom Club nebenan die Tür eintreten und mich beschimpfen, weil ich das Publikum abziehe, da sie dies als “Angriff gegen die Sache der Bewegung werten”.

  8. endolex says:

    Okay, lasse ich den Club-Vergleich fallen, der führt anscheinend zu noch mehr Missverständnissen. 🙂

    Nein, niemand hat irgendwas für sich gepachtet. Es geht um inhaltlichen Austausch – und zugegebenermaßen den Umstand, dass sich einige Leute mit der Thematik schon ein klitzekleines bißchen länger beschäftigen als andere. Ich selbst bin erst seit gefühlten vier Monaten mehr oder weniger dabei – und hatte direkt im ersten Monat angefangen, rumzukritisieren. Zum Glück hatte ich Gesprächspartner*innen, die da geduldig genug waren mit mir, um das auszuhalten.

    Versucht euch mal einen Moment lang in deren Lage zu versetzen: Angenommen, ihr beschäftigt euch seit mehreren Jahren oder Jahrzehnten mit diesem Thema, und dann kommen plötzlich durchaus engagierte und eifrige Leute in den Diskurs, die dann aber an Kleinigkeiten und eurem Stil rummeckern, im Grunde alles besser wissen wollen und dann noch von *euch* erwarten, dass ihr euch daran nicht stört? =/

    Es ist schwierig, das Verhalten aller Menschen in diesem Diskurs auf eine angemessene Weise zu beschreiben. Aber genau deshalb würde ich ehrlich gesagt drauf verzichten wollen, von ‘den Altfeminist*innen’ und ‘den Neuen’ zu sprechen und ihnen spezifische Verhaltensweisen zuzuordnen. Ich kenne in beiden vermeintlichen ‘Lagern’ sowohl überaus angenehme als auch schwierigere Personen.

    Und um das am Schluss noch mal zu betonen: Es ist kein Problem, wenn jemand für sich das Wort Feminismus ablehnt, sondern wenn dieses Ablehnen energischer diskutiert wird als die Inhalte selbst. Angenommen, ich mag das Wort Feminismus nicht (inzwischen identifiziere ich mich damit durchaus, anders als vor vier Monaten): Wenn ich dann mit ‘ner bekanntermaßen erklärten Feminist*in über Inhalte rede und sie gebraucht in jedem dritten Satz von Feminismus, dann nehme ich das hin und gebrauche bei meinen eigenen Erwiderungen das Wort einfach nicht, statt sie in jedem dritten Satz zu unterbrechen und zu betonen, dass das Wort für mich nicht gut passt. Das ist dann einfach nicht produktiv. So wie eben jede Labeldiskussion aus meiner Sicht.

  9. Die Line says:

    Hm also jedem, der sich nicht Feminist_In nennen wiil, implizit zu unterstellen, er sei ‘neu’ und habe sich noch nicht genug mit dem Thema beschäftigt, das finde ich ehrlich gesagt problematisch bzw Teil des Problems ^^ Natürlich gibt es auch Leute, die sich wirklich gar nicht damit befasst haben, und etwas kategorisch ablehnen, über das sie nicht Bescheid wissen – aber ich denke da muss man halt differenzieren und nicht jeden gleich aggressiv in die Schublade ‘hat keine Ahnung’ stecken und ein rtfm hinterherrufen.

    Jahrzehntelange ‘Erfahrung’ kann ich jetzt auch nicht vorweisen, ich glaube auch nicht alles besser zu wissen, ganz und gar nicht, aber ‘neu’ würd ich das jetzt auch nicht nennen – ich habe 2002 angefangen mich mit Kulturwissenschaften und Gender Studies zu befassen und das zu studieren (oder 12 Semester lang – habe zwischendurch gearbeitet).

    Deshalb finde ich, wie du schreibst, diese Einteilung in alt und neu auch nicht unbedingt hilfreich ; )

    Und konstruktive Kritik ohne Besserwisserei und Feindseligkeit, da muss ich ganz ehrlich sagen, das muss man immer üben dürfen, ganz egal an welcher Bewegung, ganz egal wie alt oder neu diese ist. Ich finde, man entwickelt sich am meisten im konstruktiven Austausch mit anderen (und auch Andersdenkenden) und mit konstruktiver Kritik weiter. Diesen Prozess sehe ich in Gefahr, wenn sich Leute gar nichts mehr sagen trauen, weil sie bei der kleinsten Kritik das Etikett ‘Anti-Feminist_In’ oder ‘Sexist_In’ bekommen.

    Und genau weil ich wie du finde, dass Labeldiskussion nicht produktiv sind, sollte meiner Meinung nach auch niemand gedisst werden, der sich eben nicht ein ‘Label’ aufdrücken lassen will.

  10. Utrum says:

    Erstaunlich ist hier auch, wie hier auch das Label Antifeminist missbraucht wird.
    Denn diese setzen sich für echte Gleichberechtigung ein und wehren sich gegen die von den meisten politisch aktiven Feministen propagierte Gleichstellung, sprich Frauenbevorzugung und Männerdiskriminierung. http://www.wikimannia.org/Antifeminismus

    Auch wundere ich mich, dass Erfolge (auch scheinbare wie Schweizer Frauenwahlrecht) immer dem Feminismus zugeschrieben werden, während Schattenseiten wie männerhassende Radikalfeministen als “nicht wirkliche Feministen” deklariert werden.
    “Der Feminismus” wird zum Heiligtum erklärt, obwohl es unzählige Strömungen und widersprüchliche Varianten gibt, siehe z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Feminismus

  11. endolex says:

    “Deshalb finde ich, wie du schreibst, diese Einteilung in alt und neu auch nicht unbedingt hilfreich”

    Ja, drum hab ich das im vierten Absatz ja auch alles relativieren wollen -> “Es ist schwierig, das Verhalten aller Menschen in diesem Diskurs auf eine angemessene Weise zu beschreiben…usw.” 🙂
    Wie gesagt, es gibt solche und solche, bei ‘Neuen’ wie bei ‘Alten’. Und es geht mir schon gar nicht um eine Einschätzung deiner persönlichen Sprechposition, ich kenn dich doch gar nicht. 🙂

    “Und konstruktive Kritik ohne Besserwisserei und Feindseligkeit, da muss ich ganz ehrlich sagen, das muss man immer üben dürfen”

    Absolut!

    “weil sie bei der kleinsten Kritik das Etikett ‘Anti-Feminist_In’ oder ‘Sexist_In’ bekommen.”

    Wie schnell das bei manchen mitunter mit dem “Anti-!” geht, weiß ich leider auch aus eigener Erfahrung. Mich ärgert das dann auch, weil es dann für meinen Geschmack zu ‘diskursstrategisch’ betrachtet wird (mangelnde Distanzierung ist bereits Gutheißen, Anschlussfähigkeit für Feinde ist bereits mögliche Kollaboration etc.) statt mehr an Dialog und Vermittlung interessiert zu sein.

    Mit den Labels, wie gesagt: Ich denke, wenn alle einfach die Label nehmen, die sie für sich gutheißen, ohne andere für ihre Label zu kritisieren (also weder Nicht-“Feminist*innen” sich im Dialog offen negativ über an “Feminismus” äußern noch umgekehrt), und inhaltlich ansonsten größtenteils Übereinstimmung vorliegt, dann lässt sich viel Zeit und Nerven sparen.

    Ich versuche zur Zeit auf meinem Blog anhand verschiedener Beispiele ein paar Eindrücke zu sammeln, wie Kommunikation zwischen allen möglichen Wahrnehmungen da möglichst sinnvoll laufen kann, besonders eben beim Thema Sexismus / Feminismus. Würd mich freuen wenn du da was beisteuern kannst! 🙂

  12. Die Line says:

    Danke für den Hinweis zu “Antifeminismus”. War nicht in meiner Absicht es in irgendeiner Weise zu missbrauchen, mit dem Anti- wollte ich nur ganz wörtlich gemeint auf die “bist du nicht für mich dann bist du gegen mich”-Mentalität hinaus : ) Und ja, mehr differenzieren wäre ich auch dafür, ich versuche auch immer ‘den’ Feminismus zumindest in Anführungszeichen zu setzen, mit dem impliziten Hinweis, dass ‘der’ Feminismus aus unzähligen Strömungen, Entwicklungen, Wellen besteht.

  13. Die Line says:

    “Mit den Labels, wie gesagt: Ich denke, wenn alle einfach die Label nehmen, die sie für sich gutheißen, ohne andere für ihre Label zu kritisieren (also weder Nicht-”Feminist*innen” sich im Dialog offen negativ über an “Feminismus” äußern noch umgekehrt), und inhaltlich ansonsten größtenteils Übereinstimmung vorliegt, dann lässt sich viel Zeit und Nerven sparen.”

    Ja! Das fände ich persönlich einen unglaublich großen Schritt nach vorne, und man könnte sich zusammen wichtigen Dingen zuwenden. Dann könnte man nämlich auch, mit Toleranz und Rücksicht füreinander, zusammen inhaltlich arbeiten, und nicht an der Etikettierung : )

    Werde gerne auf deinem Blog vorbeischauen!

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