Impfstoff gegen Allergien? Möglich – aber nicht profitabel

Diskutiert man mit Leuten über Patente in der Pharmaindustrie, bekommt man oft etwas zu hören wie “Ja aber wenn die nichts mehr verdienen dann stecken die ja auch kein Geld mehr in neue Medikamente und Studien”. Folgendes geht jetzt zwar nicht um Patente, ist aber wie ich finde ein schönes Beispiel dafür, dass die Pharmaindustrie auch so kein Interesse an revolutionären neuen Medikamenten hat, sofern sie nicht genug Geld versprechen.

Ok, das ist jetzt ebenfalls weder ein Geheimnis noch eine Überraschung, aber ich wollte hier mal ein paar konkrete Fälle sammeln, die in einer Argumentation doch besser wirken als vage Verallgemeinerungen.

Dieses Beispiel also stammt aus der GEO (Mai 2012), aus dem Artikel “Allergie-Alarm”. Da geht es unter anderem um neue Therapie-Ansätze gegen Allergien, es wird das Prinzip der Hyposensibilisierung beschrieben, und wieso diese so mühsam ist: Die verwendeten, natürlichen Extrakte (von Gräserpollen zum Beispiel) variieren in ihren Inhaltsstoffen so stark, dass teilweise das gewünschte Allergen gleich komplett fehlt. Außerdem gehen die klassischen Hyposensibilisierungen über Jahre hinweg – das heißt, anfangs wöchentlich, später monatlich spritzen lassen müssen.

Diese mühselige, langwierige und oft auch nicht nebenwirkungsfreie Therapie war bisher das einzige, das bei Allergien direkt an der Ursache ansetzt, statt Symptome zu bekämpfen. Dann leitet der Artikel über zu einer ganz neuen Art Therapie, mit den passenden Worten:

(…) Wissenschaftler [erforschen] neue Strategien, das Immunsystem zu befrieden, wenn es schon längst auf Angriff gepolt ist. Sie sind weit gekommen. Allerdings: Die Pharmaindustrie spielt nicht mit wie erhofft.

Na wer hätte das gedacht.

Wer jetzt die Details zu IgE, IgG, Mastzellen und Proteinfaltungen wissen möchte, dem lege ich die Lektüre des Artikels zu Herzen, aber ich fasse es mal in vereinfachenden Worten zusammen: Da haben Wissenschaftler der Medizinischen Universität Wien (Rudolf Valetta und sein Team) Hypoallergene gebaut, die zwar den positiven Effekt der Sensibilisierung haben, aber keine Immunreaktion mehr auslösen können. Man kann also in höheren Dosen viel schneller hyposensibilisieren. Diese Stoffe seien bereits “reif (…) für die Markteinführung”.

Dieselben Wissenschaftler sind sogar dabei, einen Impfstoff zu bauen, der gar nicht mehr mit dem kompletten Allergen, sondern nur noch mit einzelnen Fragmenten des Moleküls funktioniert: “Nahezu nebenwirkungsfrei, von höchster Effizienz, weil gefahrlos in hoher Dosierung zu verabreichen”:

Vier Injektionen pro Jahr, drei Jahr lang – dann sollte der Irrlauf des Immunsystems weitgehend beendet sein. Und nicht erst nach mehr als 60 Spritzen in 5 Jahren. (…) Wegen der geringen Nebenwirkungen könnte jeder Arzt mit solch einem Vakzin der dritten Generation impfen. Die Krankheit der Massen könnte endlich massenhaft behandelt werden.

Das einzige Problem an der Sache:

Medikamententests sind teuer, und die großen Pharmaunternehmen, die über (…) die nötigen Mittel verfügen, zeigen, so klagt der Forscher frustriert, kein Interesse an diesem Markt.

Ein weiterer Forscher und Vakzin-Designer (Reto Crameri) am Schweizer Institut für Allergie- und Asthmaforschung in Davos hat ebenfalls einen Impfstoff gegen Katzenhaarallergien entwickelt, bei der nur drei Injektionen im Abstand von vier Wochen nötig sind. Also, nochmal etwas deutlicher:

All diese Strategien liegen derzeit auf Eis – mangels Geld. Crameris Erklärung: Der Enthusiasmus der Pharmaindustrie halte sich in Grenzen, da sie gut an jenen Kortisonpräparaten verdiene, die Ärzte zur Linderung der Allergiesymptome verschreiben. Jedenfalls mehr als an Impfstoffen.

Ich denke jeder, der alle Jahre wieder im Frühling heuschnupfengeplagt, niesend und triefend bei geschlossenen Fenstern durch die dunkle Wohnung tappt, während es draußen endlich mal wieder schön ist, oder der seine geliebte Miezekatze weggeben musste, möchte der Pharmaindustrie dafür mal herzlichst ans Bein pinkeln.

Weitere Beispiele werden leider folgen. Ich schließe mit den Worten aus der GEO:

Was fehlt, ist der letzte Schritt: der zu den Patienten.

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