Meine ganz persönliche Ansicht: Feminismus heute

Ich studiere Kulturwissenschaften, und zwar aus Überzeugung. In der Kulturwissenschaft dekonstruiert man sehr gerne binäre Oppositionen, die als kulturelle Konstrukte der Komplexitätsreduktion dienen, aber eben Konstrukte sind, die aber als etwas natürliches, ganz normales, als Fakten empfunden werden. Schwarz-Weiß zum Beispiel, oder Kultur-Natur, oder eben auch Mann-Frau.

Und genau deshalb kann ich mich persönlich nicht mit ‘dem Feminismus’ identifizieren. Klar, eine Gleichstellung der Geschlechter ist noch lange nicht erreicht. Klar, die verschiedenen Strömungen des Feminismus haben wichtiges geleistet. Aber man kann noch so viel drumrumreden und versuchen umzuinterpretieren, der Begriff stammt nun mal von lateinischen femina ab, also ‘Frau’, und zementiert und reproduziert in meinen Augen gerade deshalb die alte, binäre Opposition Mann-Frau, die doch jetzt endlich einmal – auch außerhalb des akademischen Diskurses – berechtigterweise aufzuweichen beginnt.

Ich zitiere mal Judith Butler, die ebenfalls bereits 1990 (!) “dem Feminismus vor[wirft], vorhandene Geschlechtsrealitäten noch zu verhärten, anstatt die Möglichkeit zu bieten, neue Identitäten zu entwickeln”:

„Der Versuch, den Feind in einer einzigen Gestalt zu identifizieren, ist nur ein Umkehrdiskurs, der unkritisch die Strategie des Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Begrifflichkeit bereitzustellen“ (Unbehagen der Geschlechter, S. 33).

Ich will nicht nur für die Rechte von ‘Frauen’ kämpfen (und genau das impliziert der Begriff, ob man ihn jetzt umdeutet oder ein Gleichheits-Post-Feminismus draus macht oder ähnliches), ich will dass alle Menschen gleichberechtigt sein und leben können. Geschlechtergerechtigkeit. Alle, unabhängig von ihrem Geschlecht – das ja männlich, weiblich, intersexuell, trans- oder pansexual sein kann, irgendetwas auf einem Kontinuum, das man auch gar nicht unbedingt in lauter einzelne Schubladen stecken muss. Denn ja, gender UND sex sind Konstrukte kultureller Diskurse (ich verweise wieder auf die Lektüre von Judith Butler, wer sich dafür interessiert).

Auch die Kategorien homo-hetero-bisexuell basieren letztlich auf diesem binären Modell. Sie sollten eigentlich überflüssig sein, denn ich finde, Menschen sollen einfach Menschen lieben können. Was auch immer für ein Geschlecht diese Menschen dann haben sollten. Dann braucht es auch keine krampfhafte Unterscheidung zwischen Hetero-Homo-Ehe. Liebe, Ehe, zwischen zwei Menschen, das ist alles.

Ich verstehe einfach nicht, was dagegen spricht, den Feminismus in Ehren zu halten und für die heutige Zeit einen zeitgemäßeren Begriff zu benutzen, der heute wieder genauso visionär sein kann wie es der Feminismus mal war. Benjamin Siggel hat da ja schon Arbeit geleistet und Equalismus als gesellschaftliche Plattformneutralität beschrieben. Wunderbar. Da bin ich dabei, endlich macht mal jemand einen Schritt nach vorne, als immer nur auf der Stelle zu treten.

So, jetzt bin ich auch mal meinen persönlichen Senf wieder losgeworden.

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3 Responses to Meine ganz persönliche Ansicht: Feminismus heute

  1. Wenn man politisch sinnvoll handeln will, muss man sich aber auf die Realität beziehen und nicht auf eine imaginäre Vorstellung davon, wie die Welt sein könnte. Sicherlich ist theoretisch eine Welt denkbar, in der Geschlechter keine Rolle spielen. Die Welt, in der wir leben, ist aber keine solche Welt. Und es ist dabei vollkommen egal, ob die Geschlechter, so wie wir sie vorfinden, “natürlich” oder “konstruiert” sind, so oder so sind sie real, das heißt, eine Politik, die Geschlecht ignoriert, ist unsinnig.

    Außerdem ist “Equalismus” keineswegs “geschlechtsignorant”, sondern bezieht selbst schon eine Position, nämlich die, dass Geschlechter “gleich” sind/sein sollten.

  2. PS: Dazu gefällt mir immer sehr gut der schöne Spruch von Pat Carra: “Frauen und Männer müssen gleich sein” – “Gleich den Frauen oder gleich den Männern?” – lol

  3. Die Line says:

    Die “Realität” ist auch, dass wir ja nicht einmal genau definieren können, was jetzt das absolut ausschlaggebende Merkmal von einem “Mann” oder einer “Frau” ist. Das chromosomale Geschlecht? Was ist mit XY-Frauen und XX-Männern, die es durchaus gibt? Der Phänotyp? Das, als was man sich fühlt?

    Ich sehe die Dekonstruktion von Binarismen auch nicht als eine “imaginäre Vorstellung”, ganz im Gegenteil.

    Und es muss auch nicht Equalismus sein, man kann sich da sicher noch andere -ismen ausdenken, die eben nicht auf das Wort “Frau” aufbauen. Für mich hat jedenfalls “der Feminismus” gerade nicht mehr die politische und visionäre Kraft, die er mal hatte und die ich für sinnvoll erachten würde, um mit allen gemeinsam etwas zu bewegen, weil er immer Kontroversen auslöst unter Leuten, die eigentlich eh dieselbe Sache wollen.

    Und das ist schade. Eigentlich wäre es doch toll, wenn wir zusammen wirklich was bewegen könnten als vielmehr untereinander bzw. gegeneinander beschäftigt zu sein.

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